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Ein Amerikaner in München
Eine Dienst-Waffe
Auf Gedeih und Verderb
Heimatkunde
Auf hohen Rossen
Die Grenz-Fälle
Oh, Ney
Untergangs-Stimmung
Bisley sehen und ...
Heilig's Blechle

Ein Amerikaner in München

Die Bayern und ihre Armee brauchten anno 1784 etwas Entwicklungshilfe.


 
 

Er widmete sich naturwissenschaftlichen Experimenten und gehörte zu den Mitbegründern der Londoner Royal Institution. Er sorgte für soziale Einrichtungen, veranlaßte den Kartoffelanbau in Bayern und erfand das passende Gericht dazu.

Als geistiger Vater des Englischen Gartens in München prägt er die Bayern-Hauptstadt bis heute, und als Reformer der bayrischen Armee lieferte er nicht nur Uniformen und einen berühmten Säbel, sondern gab dem Soldatenberuf ein neues Image - Graf Rumford, mit bürgerlichem Namen Benjamin Thompson.

Wie Casanova und Cagliostro gehörte Graf Rumford zu den Abenteurern des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Umfassend begabt und gebildet, verstanden sie es, auf den verschiedensten Gebieten Erfolge zu sammeln. Als Männer von Welt, als schillernde Persönlichkeiten gingen sie in den besten Kreisen der Gesellschaft ein und aus und genossen es, mit ihren prominentesten Zeitgenossen auf Du und Du zu stehen. Begeistert von den Ideen der Aufklärung, gleichzeitig noch in den Gesellschaftsnormen des Absolutismus lebend, verkörpern sie ihr zwiespältiges Zeitalter.

Benjamin Thompson bekam jedoch nicht gerade die Voraussetzungen für eine große Laufbahn in die Wiege gelegt. In Woburn (nahe Boston) bewirtschafteten seine Eltern, Nachkommen englischer Auswanderer, eine kleine Farm. Am 26. März 1753 wurde Benjamin Thompson dort geboren. Knapp 19 Jahre, heiratete er nach seiner Lehre bei einem Kurzwarenhändler die 14 Jahre ältere Witwe eines reichen Oberst aus Concord, Massachusetts. Diese Verbindung ebnete ihm den damals üblichen Weg zum Ämterkauf: Er erstand eine Majorsstelle im 2. Miliz- Regiment von New Hampshire.

Zwei Jahre später spielte er eine mehr als zweifelhafte Rolle im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Die Situation eskalierte, als er zwei britische Deserteure, die auf seinem Anwesen gearbeitet hatten, auslieferte - ein Akt, mit dem er den Zorn der Bevölkerung von Concord auf sich lud.

In einem Schreiben an den Gouverneur von New Hampshire beklagte er sich: "Die Gemüter hier sind, wenn möglich, mehr denn je aufgebracht; man hält mich für schuldig ... Ich soll formell zum 'Staatsfeind' erklärt und feierlich in Acht und Bann getan und der Wut der erregten Bevölkerung ausgeliefert werden, um für meine dunkle Missetat bestraft zu werden."

Im Sommer 1774 lud ihn das Volkskomitee von Concord vor, wo er seine "Feindseligkeit gegen die Sache der Freiheit" verantworten mußte. Thompson verteidigte sich erfolgreich und wurde freigesprochen. Seine Spionage-Tätigkeit - chiffrierte Briefe, mit unsichtbarer Tinte an den britischen Gouverneur geschrieben - blieb unentdeckt. Kurz bevor Boston an die Rebellen fiel, und Thompson seine Sache als verloren ansehen mußte, verließ er seine Familie und segelte im Frühjahr 1776 nach England.

Kaum in London, machte er postwendend bei Lord George Germain, dem Staatssekretär für die Kolonien, Meldung über die Ereignisse. Aus Dankbarkeit ernannte ihn der Lord zum Sekretär im Kolonialamt und übertrug ihm die Versorgung der britischen Truppen in Nordamerika. Nach sechs Jahren Verwaltungsarbeit traf er 1782 als britischer Oberstleutnant wieder in New York ein und übernahm die Führung eines Dragoner-Regiments. Doch in diesem so gut wie beendeten Krieg gab es keine Lorbeeren mehr zu gewinnen. Thompson fuhr deshalb 1783 nach Eng land, um sich nach Indien versetzen zu lassen. Eine Bitte, di mit seiner Beförderung zum Oberst und seiner Pensionierung abgelehnt wurde.

Danach konnte der gerade 30jährige seine Hoffnungen auf weitere militärische Ehren in der englischen Armee begraben und sich - mit umfassenden militär-strategischen Kenntnissen gewappnet - auf die Suche nach einem neuen Dienstherrn machen: Seine erste Station Wien bot aber keine Karriere-Chancen, so besann er sich auf das Angebot des bayrischen Kurfürsten Karl Theodor, dessen Armee zu reformieren. Zuerst kehrte Thompson aber noch einmal nach England zurück, um von König George 111. persönlich die Erlaubnis dafür zu erhalten. Dieser gewährte ihm noch mehr: Er schlug ihn zum Ritter - und Sir Benjamin Thompson konnte seine Dienste mit Würden in München antreten.

In London erregte diese Ehre Heiterkeit: "Das Nächste, was wir über ihn hören werden, wird wahrscheinlich sein, daß er einen Ballon bestiegen hat, aus Bayern abgeflogen und Chefingenieur der Königin der Luft geworden ist." Oder, um es wie Günter Grass im Butt zusagen: "Überall macht er Figur ... Ein Erzreaktionär. Ein Spitzel. Ein abenteuerlicher Scharlatan. Ein eitler Fatzke. Ein mürrischer, weil ums Kriegsspiel gebrachter Menschenfreund, der, nicht unbegabt, schnell Sprachen lernt."

Aber Thompson sollte alle Spötter Lügen strafen: Er begann 1784 seine Laufbahn in Bayern mit der Ernennung zum Oberst eines Kavallerie-Regiments. Bald hatte er die Mißstände in der Armee erkannt: veraltete Strukturen, Korruption, mangelhafte Ausbildung und Versorgung der Soldaten und ihrer Familien. Im Jahr 1788 stellte er seine umfangreichen Pläne vor. Und als Kriegsminister, Polizeiminister, Generalmajor, Kammerherr und Staatsrat - genügend Macht, um sich durchzusetzen - ging er an die Arbeit.

Die Regimenter bekamen feste Standorte. Die Soldaten erhielten ihre Einberufung in heimatnahe Garnisonen und wurden angewiesen, Rechnen, Lesen und Schreiben zu lernen. Die dafür nötigen Bücher, Federn und Papier bekamen sie gratis. Papier, "das dergestalt bereits einem Zweck gedient hat, kann dann zur Herstellung von Patronen verwendet werden" - Thompson dachte schon anno 1790 an Rohstoff-Recycling. Da der normale Dienst die Soldaten nicht auslastete, übertrug ihnen Thompson gemeinnützige Aufgaben wie die Trockenlegung von Sümpfen, die Instandhaltung von Uferanlagen und den B au von Straßen. Die Rekruten erhielten aber auch monatelang Urlaub, um auf den heimischen Feldern helfen zu können. Diese Einsätze waren aber nicht nur Beschäftigungstherapie, sondern sollten dem Soldatenberuf auch ein neues Selbstverständnis geben und seinen Ruf bei der Bevölkerung heben.

Durch die Neuformation des Heeres 1790 bestand die Infanterie aus 20 und die Kavallerie aus acht Regimentern. Thompson heuerte seine neuen Soldaten durch eine Mischung von Aushebung und Werbung an, die lebenslange Dienstzeit wurde auf zehn oder acht Jahre verkürzt. Bereits einige Jahre zuvor hatte Thompson mit der Ausgabe neuer Uniformen begonnen: Ab 1788 trat anstelle des Hutes ein Kaskett, zunächst aus schwarzem Filz, dann aus gepreßtem Leder. Ein feiner Ziegen- oder Roßhaarschweif fiel vom Kamm nach hinten. Das Schweißleder konnte rundum zum Schutz gegen Regen und Kälte heruntergeschlagen werden. Die Soldaten trugen es gerade und tief ins Gesicht gezogen. Dazu gehörte auch ein neuer Gruß: ohne Verneigung, mit den Fingern der rechten Hand am Kaskett. Große Popularität erlangte die als unscheinbar angesehene Kopfbedeckung bei den Soldaten allerdings nicht - und bei Regen gab sie den Soldaten anscheinend ‚das Aussehen von Wilden'.

Der neue Uniformrock soll aus Sparsamkeitsgründen derart kurz ausgefallen sein, daß die Schöße beim Sitzen gerade aufstanden. Die grauen, engen Hosen hatten angenähte Gamaschen. Aber: Beim Durchwaten eines Wasserlaufes konnten die Gamaschen nicht abgenommen werden. Deshalb zogen die Männer vorher die Hosen aus und durchquerten halbnackt das Gewässer. So zeitgemäß und - jedenfalls für alle Mannschaften vom Feldwebel abwärts - kostenfrei die neue Uniform auch gewesen sein mag, lehnten es doch viele Offiziere zunächst ab, sie anzunehmen - und liebe Gewohnheiten aufzugeben, wie etwa den Regenschirm zur Uniform zu tragen.

Im Jahr 1787 erfolgte die Einführung des 18lötigen Kalibers und gerade geschäfteter Gewehre, die berittenen Truppen erhielten Reitergewehre. Das Gewehr stand bei den Dragonern in einem Schuh aufwärts mit schräg nach hinten geneigter Laufmündung, bei den Chevaulegers und Kürassieren lag es über dem rechten Schenkel, die Mündung in einem am rechten Pistolenhalfter befindlichen Schuh, der Kolben auf dem Mantelsack. Außerdem gehörte zur Ausrüstung ein neuer Säbel (siehe Kasten). Eifrig kümmerte sich Thompson auch um den Aufbau der bislang vernachlässigten Artillerie. Doch erst 1793 wurden alle schadhaften Kanonen für Bruchmaterial erklärt, und 1794 erfolgte die Einführung eine sDreipfünders nach Rumfords Entwürfen.

Doch Thompsons Interesse ging weit über das Militärwesen hinaus: Gewerbeschulen und tierärztliche Institute waren nur der Anfang. Er betätigte sich als 'Menschenfreund' im großen Stil der Aufklärung, als Wohltäter der Armen. Sein Mittel gegen den Hunger hieß 'Kartoffel'. Wie Friedrich der Große erkannte Thompson, daß dieses Gewächs ein gesundes und billiges Gemüse zum 'Sattmachen' war. Die heute unentbehrliche Knolle galt zur Zeit Thompsons in Europa oft noch als giftig. Nur mit Befehl und passendem Kochrezept konnte sie eingeführt werden: Thompson kreierte seine 'Rumfordsche Kartoffelsuppe'. Und er ging revolutionäre Wege. Angesteckt von den Idealen der Französischen Revolution machte er es sich zum besonderen Anliegen, Münchens Bettler in die Gesellschaft zurückzuführen: "Um verkommene und ausgestoßene Leute glücklich zu machen, ist es üblich, sie zuerst tugendhaft zu machen. Aber warum diese Regel nicht umdrehen? Warum sie nicht zuerst glücklich, und dann tugendhaft machen?"

Eine indirekte Folge der Französischen Revolution ist der Englische Garten in München: Eigentlich waren an seiner Stelle 'Militärgärten' geplant, wie Thompson sie bei jeder Garnison anlegen ließ. Die Felder wurden von den Soldaten selbst bestellt. Gleich nach der Gründung der Militärgärten-Komission am 1. Juli 1789, entwickelte Thompson diese Idee weiter zum Volkspark: "Mein Werk soll nicht bloß einem Stand, sondern dem ganzen Volk zugute kommen." - und schuf den ersten 'demokratischen Garten' auf dem Kontinent, zu dessen Bau ein ganzes Armeekorps mobilisiert wurde.

Karl Theodor belohnte die Arbeit des Amerikaners in München: 1792 wurde er zum Generalleutnant der Artillerie und zum Reichsgraf Rumford ernannt - nach dem alten Namen der Stadt Concord, wo sein Aufstieg begann. Im selben Jahr zog Rumford das Resumée aus seiner Arbeit, die in Bayern hochgelobt wurde. Der 'Bayrische Landesbote' schrieb: "Kein Soldat unter allen europäischen Mächten erfreut sich solcher Freiheiten und Vorzüge. Die Offiziere sind um der gemeinen Leute wegen, nicht aber diese für die Offiziere da.“
Überarbeitet ging Rumford noch 1872 auf Reisen. Als er 1796 noch einmal zurückkehrte, wurde ihm zu Ehren im Englischen Garten ein Denkmal errichtet. Die Intrigen gegen ihn zwangen Karl Theodor, seinen Reformator als Gesandten nach London zu empfehlen. Dort in der erwarteten Position nicht bestätigt, in Amerika als Loyalist nicht willkommen, blieb er als Privatmann in London. M Feuereifer setzte er sich für die "Royal Institution" ein und experimentierte mit Wärme: Es entstanden etwa der Rumford-Röster, Wärme-Messer, neuartige Herde und Kaminsysteme.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Rumford in Auteuil bei Paris. Am 21. August 1814 starb er, dem Urteil eines bayrischen Journals gerecht geworden: "Ein Weltbürger, in der großen Bedeutung des Wortes".


 

Von Michael Solka und Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 12/1994, Seite 138 bis 142



Säbelrasseln

Graf Rumford verlieh nicht nur einer Kartoffelsuppe seinen Namen, sondern auch einem von ihm eingeführten neuen Säbel. Der Rumford-Säbel gehörte neben einem Karabiner und zwei Pistolen zur Standard-Bewaffnung der anno 1788 ebenfalls von Rumford neugegründeten Chevaulegers (Leichte Reiterei).

Der Säbel besaß ein eisernes Gefäß mit zur Parierstange hin aufgebogenem Griffbügel. Am oberen Teil befand sich ein Schlitz als Halterung für den Faustriemen. Die Griffkappe war nach vorn gebogen, an ihr befestigte ein Nietknopf die Angel. Zwei geschwungene Terzbügel und die Hülse vervollständigten das Gefäß. Die entscheidende Neuerung des Säbels stellte die zum Stichblatt erweiterte Parierstange (eine sog. Daumenmuschel) dar, sie bot einen deutlich verbesserten Handschutz. Die Säbel-Klingen waren immer beidseitig flach hohlgeschliffen, der Ort lag auf dem Rücken.

Im Jahr 1802 lösten eiserne Scheiden die bis dahin üblichen Leder-Scheiden ab, weil das Leder im Laufe der Zeit schrumpfte. Der Infanterie-Säbel wurde zwar 1788 abgelegt, doch Rumford führte ihn 1791 wieder ein.


 

Von Michael Solka und Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER 12/1994, S. 138 bis 142