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Eine Dienst-Waffe

Der Gelegenheitskauf eines Pagen-Degens auf einer Auktion entpuppte sich als besonderer Glücksfall: Seine Inschrift gab die Geschichte eines Offiziers der Wilhelminischen Ära preis.


 
 

Ein Blankwaffen-Sammler bekommt zwar so manch seltenes Stück zu sehen, jedoch fehlt den Objekten meist ihre Geschichte. Dabei macht gerade sie eine Waffe zum geschätzten Sammlerstück.

Der Antikwaffen-Händler Dieter Heich, der auf Blankwaffen des 18. und 19. Jahrhunderts spezialisiert ist, erwarb bei einer Auktion in Wiesbaden einen Infanterie-Offiziersdegen (IOD) Modell 89 mit Damastklinge, Vergoldungen und reicher Verzierung. Der Erhaltungszustand des rund 90 Jahre alten Degens erwies sich als sehr gut: Die Gefäß-Vergoldung besteht noch etwa zu 50 Prozent, die Damaststruktur ist noch gut zu erkennen und die Vergoldung fast komplett. Nur die Griffhülse war mit neuem Fischhaut-Überzug und verdrillter Silberdraht-Wicklung ergänzt worden.

Der Degen ist mit einer Länge von 830 Millimetern eine relativ kurze IOD-Luxusausführung mit reichem Dekor: Das scharnierlose Messing-Bügelgefäß wurde zusätzlich vergoldet. Der stehende Preußenadler ist im Gefäßkorb nicht nur nach außen, wie beim Standard-IOD, sondern auch nach innen plastisch gestaltet. Auf seiner Brust und auf der umwickelten Griffhülse prangt der Monogramm-Schriftzug Wilhelms II. Die halbe Griffkappe und den halben Ring schmückt reiches Blatt- und Rankenwerk. Auf der Griffkappen-Rückseite sitzt zwar eine Monogramm-Kartusche, aber sie trägt keine Bezeichnung.

Doch die interessantesten Details bot die Klinge, deren maximale Breite 25 Millimeter und deren Länge 673 mm beträgt. Während einnormaler IOD lediglich eine vernickelte Klinge besitzt, besteht diese aus Schweißdamast mit Doppelhohl-Kehlung und Mittelgrad. Im Klingenrücken ist in Gold „P.D. Lüneschloss, SOLINGEN“ eingraviert. Auf der Terzseite (Außenseite) befindet sich eine goldverzierte Kartusche mit gekreuzten Blattzweigen. Darunter sind eine Krone mit dem Monogramm „SC“ und ein unbekanntes Wappen ebenfalls von Blattzweigen eingefasst. Auf der Quarzseite (Innenseite) umrahmt eine goldverzierte Kartusche die Inschrift „Zur Erinnerung an den Pagendienst 1908 – 09“in gotischen Goldbuchstaben, die den Degen als Dienst-Waffe auszeichnet.

Mit Hilfe des anerkannten Blankwaffen-Experten Gerhard Seifert konnte das Monogramm und das Wappen identifiziert werden: Hinter dem „SC“ verbarg sich Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Sophie Charlotte von Oldenburg. Sie war seit 1906 mit Prinz Eitel-Friedrich, einem Sohn Wilhelms II. von Preußen, vermählt. Das Wappen schien mit dem des Grafen von Oldenburg identisch zu sein.

Schwieriger war die Suche nach dem Pagen, also dem Träger des Degens. Bei den Pagen handelte es sich um Kadetten der preußischen Hauptkadettenanstalt Berlin-Lichterfelde, wo sie auf ihren späteren Militärdienst vorbereitet wurden. Den Abschluß der Ausbildung stellte oft ein einjähriger Pagendienst an einem Königlich-Preußischen Hofstaat dar, wie bei dem Besitzer dieses Stücks. Als Anerkennung der dort geleisteten Dienste und zur Erinnerung an die Pagenzeit bekamen die Offiziersanwärter einen kunstvoll gearbeiteten Degen verliehen.

Da alle Mitglieder der preußischen Höfe in den Inventarbüchern des Hof- und Staatshaushalts aufgelistet wurden, mußte auch der Degenträger dort genannt sein. Für diese Suche vermittelte Gerhard Seifert im Hessischen Staatsarchiv die Hilfe von Elke Hack, die im "Handbuch über den Königlich Preußischen Hof und Staat" die entsprechenden Angaben für die Jahre 1908 und 1909 fand. In diesen beiden Jahren dienten vier Leibpagen bei Prinzessin Sophie Charlotte: 1908 waren es Richard von Graevenitz und Friedrich von Heimburg, im darauffolgenden Jahr Siegfried von Graevenitz und Hans-Joachim von Massenbach - mit der Klingen-Inschrift konnte also jeder der vier gemeint sein.

Bei der Durchsicht ihrer Lebensläufe fand sich schließlich die Lösung: Auf Auszeichnungsstücken stand normalerweise der Name des Trägers, der ausgerechnet hier fehlte. Aber: Das Wappen derer von Massenbach ist identisch mit dem der Oldenburger. Sie unterscheiden sich nur durch ihre Farben - die Spur führte also zu dem Pagen Hans-Joachim Freiherr von Massenbach. Elke Hack stellte für Dieter Heich den Kontakt zum heutigen Vorsitzenden des Familienverbands derer von Massenbach, Klaus-Berthold Freiherr von Massenbach, her. Er konnte die Biographie seines Vorfahren vervollständigen und ihn als Träger des Degens bestätigen. Umgekehrt ergänzte die Widmung auf dem Degen die in den Familien-Unterlagen fehlende Datierung des Pagendienstes - und die Geschichte eines Offiziers der Wilhelminischen Ära tat sich lückenlos auf.

Hans-Joachim Freiherr von Massenbach wurde am 19. Dezember 1888 in Oldenburg geboren. Im Jahr 1900 trat er in das Kadettenkorps in Bensberg ein, wechselte später nach Lichterfelde und beendete mit dem Pagendienst seine Ausbildung. Im April 1909 wurde er als Leutnant zum 91. Oldenburgischen Infanterie-Regiment versetzt und avancierte im Frühjahr 1914 zum Adjutanten des III. Bataillons. Bei der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg kam er zur Maschinengewehr-Kompanie seines Regiments, das zum X. Armeekorps gehörte. Durch eigenes Artilleriefeuer an beiden Beinen schwer verwundet, erhielt er das Eiserne Kreuz 2. Klasse und das Oldenburgische Friedrich August-Kreuz 1. und 2. Klasse.

Nach seiner Genesung wurde er zum Regimentsadjutanten des Reserve-Infanterie-Regiments 259 befördert, das nach Ostpreußen zog, wo er durch einen Schuß in den rechten Arm schwer verwundet wurde. Für seine Verdienste bekam er das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen. Im Frühjahr 1916 begann sein Dienst als 1. Ordonnanzoffizier bei der 214. Infanterie-Division, mit der er in der Champagne, in Flandern und bei Cambrai kämpfte. Im Winter 1917 mußte er wegen einer Blinddarm-Entzündung operiert werden, im Mai 1918 rückte er wieder als 1. Ordonnanzoffizier bei der 225. Infanterie-Division aus. Am 26. November wurde Hans-Joachim Freiherr von Massenbach entlassen, im Januar löste er seine ebenfalls zurückgekehrte ehemalige Maschinengewehr-Kompanie auf. Er bildete zwar noch im Februar die "Freiwilligen-Maschinengewehr-Kompanie Frhr. von Massenbach", nahm aber am 1. April 1919 seinen Abschied und eröffnete im Juni ein Versicherungsbüro in Wiesbaden, wo er am 28. April 1961 starb.

Die I. Internationale Waffenbörse 1994 in Nürnberg bot schließlich die Gelegenheit, den Kreis nach etwa dreimonatiger Suche zu schließen: Klaus-Berthold Freiherr von Massenbach konnte im 80sten Gründungsjahr des Familienverbandes derer von Massenbach, der am 7. März 1914 in Berlin gegründet wurde, von Dieter Heich den Pagendegen in Empfang zu nehmen und in den Familienbesitz zurückzuführen.


Mit einer oder zwei Klappen

Der Infanterie-Offiziersdegen (IOD) wurde am 22. März 1889 offiziell für das deutsche Kaiserheer eingeführt. Von Anfang an gab es zahlreiche Varianten. Während die ordonnanzmäßige Ausführung einen festen Korb mit Adlerfigur und drei Terzspangen besaß, boten die Solinger Firmen auch leichtere und reich verzierte Eigentums- und Präsentationsstücke an. Als sehr beliebt, weil praktisch, erwiesen sich die Ausgeh-Ausführungen mit Klapp-Scharnieren. Hier gab es Versionen mit einklappbarem Adlerkorb, genauso wie IODs mit Doppelscharnier, bei dem sich auch das quartseitige Stichblatt wegklappen ließ. Ordonnanzmäßig war durch die"Allerhöchste Kabinets-Ordre Nr. 77" ein Degen mittlerer Länge von 99 Zentimetern festgelegt; die Maßtafeln von 1891 bestimmten aber die Gesamtlängen von 1023, 963 oder 873 Millimeter. Offiziere durften sich je nach Statur die bestpassendste Länge kaufen. Portepee-Träger erhielten von der Kammer meist die Mittelgröße. Ab 1905 wurde die Scheide geschwärzt, und 1909/10 fiel der untere Tragering weg.


 

Von Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 1/1995, Seite 132 bis 135