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Auf hohen Rossen

Die Dragoner entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte vom Mädchen für alles zur gefürchteten Schlachten-Kavallerie.


 
 

Für den Stabsoffizier Evans der 2nd Royal North British Dragoons stellte die Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 ein unvergeßliches Ereignis dar: „Als wir zum Angriff in einen gemäßigten Trab übergingen, begannen die vorderen Reihen der Franzosen und die Flankenkompanien ihre Rücken nach innen zu wenden, die Nachhut der feindlichen Kolonnen machte bereits Anstalten zu fliehen. Während unsere Brigade den Hügel hinunterstürmte, machte sie rund 2000 Gefangene, die ohne Schwierigkeiten zur Nachhut gebracht wurden. Der Feind floh wie eine Herde Schafe durch das Tal – ganz in der Gewalt der Dragoner.“Wie nach einem Lehrbuch zerschlugen die „Royal Scots Greys“-Dragoner bei Waterloo das aus drei Divisionen bestehende französische Infanterie-Corps d’Erlon an jenem blutigen Juni-Tag des Jahres 1815. In den nachfolgenden Jahrzehnten sollten ganze Generationen von Militärakademie-Lehrern diesen Angriff der Unionsbrigade als den klassischen Beweis dafür zitieren, dass keine Truppe der Welt der entschieden vorgetragenen Galopp-Attacke einer Reiterkolonne mit der blanken Waffe in der Faust standhalten könne. Und die britische Schlachtenmalerin Lady Butler, Gattin eines Regimentskommandeurs, verewigte die heranstürmende Dragonerschar auf ihren Grauschimmeln in dem romantisch verklärten Gemälde „Scotland for ever“. Die britische Unionsbrigade preschte weiter, ohne Rücksicht auf die Hornsignale, die sie zum Rückzug aufriefen … hinein in die Artilleriestellungen Napoleons – nur um dann auf erschöpften Pferden, verwirrt und ziellos, unter den Lanzenstichen eines französischen Gegenangriffs zu enden. Aber der kurze Moment des Ruhms bildete gleichzeitig Zenit und Wunschbild der jahrhundertelangen Entwicklung einer Waffengattung: die Dragoner. Schon im Altertum träumten Feldherren von einer Truppe, die so leicht beweglich wie die Kavallerie und so kampfstark wie die Infanterie sein sollte. Alexander der Große unterhielt seine "Dimachai" (Doppelkämpfer). Im oströmischen Reich ließ man die Reiter seit dem 6. Jahrhundert bei Bedarf auch zu Fuß kämpfen. Aus diesen Anfängen entwickelte sich im Mittelalter und in der Renaissance eine erfolgversprechende Angriffsweise: Bis auf eine gewisse Distanz ritt eine Truppe an das feindliche Heerlager heran, saß ab, griff zu Fuß an und kehrte darauf zu den von den Kameraden bewachten Pferden zurück.

Als Schöpfer der neuen Waffengattung gilt Gustav Adolf von Schweden. Er stellte neben den Kürassier-Regimentern, der klassischen Schlachten-Kavallerie, auch eine berittene Schützentruppe auf. Wie die Infanterie gekleidet, führten sie neben Säbel und Axt eine lange Muskete - anders als normale Reiter, die neben den Holsterpistolen höchstens einen kurzen Karabiner trugen. Ungewiß bleibt, wann für diese Soldaten, die zu Fuß und zu Pferd kämpften, der Name Dragoner entstand. Er geht auf den griechisch-lateinischen Begriff "draco" (deutsch: Drache) zurück, aus dem sich im Französischen "dragon" bildete. Ob jemals Dragoner einen Drachen auf ihrer Regimentsstandarte trugen, ist jedoch fraglich.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) erprobt, kopierten alle Armeen Europas das schwedische Dragoner-Vorbild. Staatslenker und Heerführer wie Montecuccoli, Richelieu und Prinz Eugen rühmten die neue Truppengattung als Elite. Doch auch an Kritik mangelte es nicht, Wallhausen schrieb schon im 17. Jahrhundert: „Die Dragoner sind eine schwerfällige und lächerliche Waffengattung, die aber, sofern sie im richtigen Moment und am richtigen Ort eingesetzt wird, trotzdem ganz nützlich sein kann. Als Dragoner verwendet man am besten zur einen Hälfte Musketiere und zur anderen Lanzenträger, alle mit ihren angestammten Waffen ausgerüstet und in deren Handhabung nach infanteristischer Art und Weise ausgebildet. So bleiben derart gedrillte Dragoner stets mehr Infanteristen als Kavalleristen, doch sind sie auch im Reiten geübt und mit den Kavalleristen zusammen." Und jahrhundertelang hing ihnen der Spottvers an: "Dragoner sind nicht Mensch nicht Vieh, auf's Pferd gesetzte Infanterie".

Auch Friedrich der Große beendete diese Zwitter-Rolle nicht endgültig. Zwar rechnete er bei der Armeereform 1740 die Dragoner ganz offiziell zur Kavallerie, ein Teil des Ausbildungsdienstes konzentrierte sich aber nach wie vor auf den Kampf mit Muskete und Bajonett. Die Devise lautete: " In vielen Fällen müssen die Dragoner absitzen und zu Fuß fechten, wenn die Infanterie nicht zur Stelle ist. Darum lernen sie zu Fuß anzugreifen wie die Infanterie. Da man dies aber nur im Notfall von ihnen verlangt, muß man keine große Vollkommenheit in der Bewegung und im Angriff fordern. Ihr Hauptdienst ist stets zu Pferd."

Friedrich der Große erweiterte die Truppenstärke seiner Dragoner auf 70 Eskadrons, die Qualität der Remonten fiel aber klar hinter denen der Kürassiere zurück. Im Jahr 1751 verfügt Friedrich, daß die besten Pferde mit einem Stockmaß ab 16 Zentimeter den Kürassieren vorbehalten blieben. Die Dragoner sollten schwarz-braune Pferde mit einer Mindesthöhe von 157 cm erhalten. Trotzdem, einmal auf's hohe Roß gesetzt, versuchten die Dragoner des Alten Fritz ihrer Kavallerie-Eingliederung gerecht zu werden Bei der Schlacht von Hohenfriedberg warfen die Bayreuther Dragoner (Nr. 5) mit einer ungestümen Attacke 1745 so gar ein Kürassier-Regiment.

Waffenmäßig bildete sich in E ropa ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein eigenes Dragoner-Gewehr heraus. Als ‚mittlere Kavallerie' - angesiedelt zwischen der leichten (Husaren, Ulanen) und der schweren Kavallerie (Kürassiere) - führten die berittenen Schützen neben dem Pallasch eine Art Kurzgewehr mit Bajonett, dessen Länge einen Kompromiß zwischen der schulterhohen Muskete der Infanterie und dem kürzeren Karabiner der Kürassiere und der Husaren darstellte. Der lange Schießprügel hinderte natürlich den Reiter bei jeder Bewegung. Auf dem Marsch steckte er mit der Mündung oder dem Kolben rechts vorn unterhalb des Pistolenholsters am Sattel. Das andere Ende bewegte sich in gefährlicher Nähe zum rechten Ellenbogen, und mancher Reiter kam mit seinem Musikantenknochen schmerzhaft damit in Kontakt. Die Tragevorrichtung für das Gewehr stellte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein stetes Ärgernis dar. Was auch immer von den verschiedenen Staaten dazu entworfen wurde, im besten Fall kam ein Kompromiß heraus. Erst der bis zum Kolbenhals reichende Sattelschuh (englisch scabbard) hinten rechts am Sattel, wie er bei der wilhelminischen und spätviktorianischen Armee entwickelt wurde, lieferte eine brauchbare, für Waffe und Reiter gleichermaßen schützende Lösung.

Napoleon baute auf den Gefechtsvorschriften Friedrichs II. auf. Er benutzte die Dragoner als zweite Welle hinter den Kürassieren. Sie sollten in die Breschen einhauen, welche die Panzerreiter in die Infanterie-Reihen geschlagen hatten. Damit stiegen die Dragoner in Frankreich endgültig in den Olymp der schweren oder Schlachten-Kavallerie auf, eine Änderung, die sich auch in der Kleiderordnung von 1812 wiederspiegelte. Der lange Infanterierock wurde gegen einen kurzen eingetauscht und die Hosen mit langen Stiefeln kombiniert. Für die Männer hatte diese Aufwertung noch einen ganz profanen Vorzug: wie richtige Kavalleristen durften sie nun auch Schnurrbärte tragen.

Bei all diesen Neuerungen, die andere Staaten sofort übernahmen, ging die eigentliche Rolle der Dragoner als schnelle infanteristische Eingreifreserve verloren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vereinheitlichten sich die Ausbildung, Bewaffnung und der Einsatz der berittenen Waffengattungen immer mehr. Als Auslöser wirkte der gezogene Hinterund Mehrlader, der dem Infanteristen bessere Treffsicherheit und größeres Feuervolumen bei größerer Reichweite verlieh. Kein noch so schnelles Roß, keine noch so mutig geführte Säbel-Attacke konnte dem beikommen. Die preußische wie die französische Kavallerie mußten dies im Krieg 1870/71 durch blutige Verluste erleben.

Der amerikanische Bürgerkrieg diente hier zwar als Experimentierfeld, aber die dort mit abgesessen kämpfender Kavallerie gemachten guten Erfahrungen wurden in Europa zu spät umgesetzt. So kam es zu Reiter-Attacken wie der bei Sedan, die ein Augenzeuge beschrieb: "Ein großartiger Anblick! Die schönste Kavallerie-Attacke, die ich je gesehen habe! Dann aber geschah das Furchtbare, und die Hölle war los! Die Infanterie eröffnete auf einen Schlag das Feuer auf ihrer ganzen Front und gnadenlos prasselte ein wahres Höllenfeuer aus allen Rohren auf die verblutenden Reiter und ihre Pferde."

Spätestens der Erste Weltkrieg brachte das Ende der herkömmlichen Kavallerie als berittene Schocktruppe. Maschinengewehre, Panzerfahrzeuge und Flugzeuge reduzierten die Pferde zu Transporthilfen, die schließlich dem Verbrennungsmotor ganz weichen mußten. Vom alten Ruhm blieben nur Reminiszenzen: in einigen Armeen führen Panzereinheiten noch heute die Namen alter Dragoner-Regimenter.


 

Von Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 3/1995, Seite 138 bis 142