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Ein Amerikaner in München
Eine Dienst-Waffe
Auf Gedeih und Verderb
Heimatkunde
Auf hohen Rossen
Die Grenz-Fälle
Oh, Ney
Untergangs-Stimmung
Bisley sehen und ...
Heilig's Blechle

Heimatkunde

Bei Torgau trafen sich einst Handelswege und Armee-Kolonnen, aber die Stadt zog immer den kürzeren.


 
 

Mit der Geschichte tun sich die Deutschen manchmal etwas schwer - und das nicht erst seit 1945.

Das reicht vom schulischen Pflichtfach mit stupidem Daten-Pauken à la .Leipzig-Einundleipzig« aus wilhelminischen Tagen bis zu den heutigen staatlich verordneten Pflicht-Gedenktagen, mit ihren ritualisierten Betroffenheitserklärungen. Gerade 1995 stehen solche Veranstaltungen zur Genüge an – demnächst beispielsweise im sächsischen Torgau, wo sich am 25. April 1945 an der Elbe russische und amerikanische Voraustrupps trafen und damit den Schlußakt der Niederlage Deutschlands einleiteten. Für einen kurzen Moment stand und steht damit die kleine Stadt mit ihrem Renaissance-Ortskern im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit - nur um im nächsten Moment wieder vergessen zu sein.

Dabei bietet das im 10. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnte Torgau - heute abseits der Autobahnen und seit jeher im Schatten von Dresden und Leipzig gelegen - so viel mehr. Eine Spurensuche vor Ort führt den Besucher quer durch die deutsche Geschichte: über ein bestens erhaltenes Schlachtfeld und auf altem Kopfsteinpflaster durch verwinkelte Gassen vorbei an Bürgerhäusern zu einem Schloß aus dem 16. Jahrhundert, das einst sächsischen Kurfürsten als Residenz und schließlich preußischen Soldaten als Kaserne und Garnison diente.

In dieser Stadt wirkten Martin Luther und Lucas Cranach der Ältere. Und Preußens Friedrich II., gemeinhin als „der Große“ oder als ,Alter Fritz" betitelt, lieferte sich hier am 3. November 1760 mit österreichischen Truppen eine Schlacht, die als eine der schwersten des Siebenjährigen Kriegen (1756-1763) in die Militärgeschichte einging. „Haben Sie jemals eine stärkere Kanonade gehört? Ich wenigstens niemals!" soll der Alte Fritz seine Generäle erstaunt gefragt haben.

Für das Ringen um die europäische Vorherrschaft (und um Schlesien) bildete die Kleinstadt an der Elbe nur Kulisse. Sachsen war neutrales Gebiet, Torgau ein Brückenkopf, ein Knotenpunkt von Handelsrouten an der Grenze zu Preußen. Was anfangs keiner der Kontrahenten wußte, die Schlacht von Torgau geriet nicht nur zum letzten großen Kampf zwischen Österreich und Preußen, sie entwickelte sich auch zur modernsten Schlacht der Kabinettskriege im 18. Jahrhundert.

Friedrich der Große stellte dem konventionellen Aufmarsch seiner Gegner einen ungewöhnlichen Angriffsplan entgegen: das Einkesselungs- und Vernichtungsprinzip, mit dem er sich von den damals üblichen strategischen Regeln löste. Österreichs Feldmarschall Daun bezog zwischen Torgau und der Dommitzscher Heide auf einer Anhöhe Stellung, mit der Front nach Süden, woher er den König erwartete. Er glaubte sich nach allen Seiten gut gedeckt: nach Süden durch den Sumpf der Röhrgraben-Niederung, links durch Lascys Korps und rechts von der Dommitzscher Heide.

Ein Anmarsch konnte also nur über die höchstens zweieinhalb Kilometer breite Enge von Neiden erfolgen. Im Zeitalter der schachspielartigen Lineartaktik jedoch sollte eine Angriffslinie großzügig entfaltet und ein Aufmarsch weiträumig entwickelt werden. Deshalb postierte Daun auch sein Hauptquartier in dem sicheren Neiden. Zusätzlich ließ er den Wald durch Gefechtssicherungen bei Grosswig, Weidenhain und Vogelgesang überwachen; und zwischen Süptitz und Neiden standen über 200 Geschütze der Armee-Reserve. Insgesamt verfügte Daun über 500 Rohre.

Dagegen setzte Friedrich II. auf drei Kolonnen, die sich an Dauns scheinbar uneinnehmbare Stellung gedeckt durch den Wald vorbeischleichen und ihr mit 25.000 Mann in den Rükken fallen sollten. Der Husaren-General Zieten hatte den Auftrag, den Gegner mit einem 16.000 Mann starken Angriff gleichzeitig frontal zu binden. Aber als Friedrich gegen Mittag im Süden Kanonenfeuer hörte, glaubte er, Zieten greife schon an und setzte seine Brigaden überstürzt nacheinander ein. Nach schweren Kämpfen mußte er bei Anbruch der Dunkelheit resigniert zurückweichen. Er zog sich in die Dorfkirche von Elsnig zurück, um neue Pläne auszuarbeiten. Erst im Morgengrauen erhielt er die Nachricht vom späten Sieg seiner Truppe: General Zieten war mit seinen Reitern von den Süptitzer Höhen im Süden in die feindlichen Kolonnen gestürmt (siehe 6/1991). In einer langen nächtlichen Schlacht schlug er die österreichische Armee in die Flucht. Die schon nach Wien gemeldete Niederlage Preußens wandelte sich so doch noch in einen Triumph. Aber allein 5500 von den 6100 preußischen Grenadieren, die als erste Angriffswelle vorgingen, fanden in nur einer halben Stunde durch das konzentrierte Feuer aus 400 österreichischen Kanonen den Tod. Die größte Massenschlacht des 18. Jahrhunderts dauerte sieben Stunden. Über 40 Prozent des preußischen Heeres, etwa 16.750 Mann, lagen tot auf den Süptitzer Höhen. Die Österreicher konnten sich zwar über ihre Pontonbrücken auf der Elbe noch in Richtung Dresden zurückziehen, sie ließen aber mehr als 15.200 Tote und Verwundete, ein Drittel ihrer Gesamtstärke, zurück.

Nach der Schlacht brachen in Torgau durch die überfüllt Krankenlager und die vielen Toten Seuchen aus. Alle umliegenden Dörfer und Felder waren verwüstet, die Weinberge der Süptitzer Höhen ein Trümmerfeld. Die Stadt, die schon im 30jährigen Krieg stark gelitten hatte, verarmte durch die von den preußischen Militärbehörden auferlegten Abgaben des Siebenjährigen Krieges noch mehr. Und 50 Jahre später geriet der Ort durch Napoleon noch einmal in den Strudel kriegerischer Auseinandersetzungen.

Der große Korse machte aus der strategisch wichtigen Stadt eine Festung, wofür er 1811 zunächst 160 Häuser, zwei Kirchen, das Hospital, das Waisenhaus und die alten Stadtmauern und -tore abreißen ließ. Bis 1813 entstand dort ein geschlossenes Festungssystem und die auf der anderen Elbseite vorgelagerte Brückenkopf-Bastion, das Fort Zinna. Mit dem Ausbruch der Befreiungskriege erlebte die Stadt eine schwere Belagerung. Als sich am 10. Januar 1814 die Stadttore wieder öffneten, waren 20.000 Menschen an Hunger, Seuchen und Kälte gestorben - von ursprünglich 27.000 Mann Besatzung und 4.500 Einwohnern. Durch den Friedensschluß in Wien fiel Torgau an das Königreich Preußen.

Das für die wechselvolle Geschichte der Stadt nicht wichtigste, aber das symbolträchtigste Ereignis fand am 25. April 1945 statt: Eine erste amerikanische Patrouille wagte sich an diesem Tag in die Stadt. Verschanzt im Turm von Schloß Hartenfels, konnten sie sich nur mühevoll mit einer selbstgebastelten amerikanischen Fahne und durch die Hilfe eines Russen mit den Voraustrupps der Roten Armee am anderen Elbufer verständlich machen. Von beiden Ufern aus krochen dann Amerikaner und Russen auf dem V-förmig nach unten gebogenen Träger der gesprengten Elbbrücke aufeinander zu und trafen sich genau in der Mitte - zum ersten Schulterklopfen der Alliierten, später oft für Propagandaphotos wiederholt.

Seitdem pflegt Torgau sein Kultur-Erbe (siehe Kasten). Das ehemalige Glacis-Gelände der Festung ist heute Stadtpark. Historische Gebäude werden gewissenhaft restauriert. Doch die Denkmalpflege verharrt im etablierten Rahmen. Heute kennen nur noch Heimatforscher und einige Militärhistoriker die Einzelheiten der blutigen Begegnung vor den Toren der Stadt anno 1760. Und keiner erinnert sich des im Wilhelminischen Kaiserreich errichteten Friedrich-Denkmals, das 1948 einer ebenso mit falschem Pathos erfüllten Sichtweise zum Opfer fiel. Das friderizianische Schlachtfeld gilt als kulturhistorischer Außenseiter und wird entsprechend stiefmütterlich behandelt. Dabei gehört dieses Areal zu den wenigen Stätten dieser Art in Westeuropa, die nicht Stadterweiterungen oder Straßenbau zum Opfer fielen - es liegt fast völlig unberührt außerhalb der Stadt. Was andere Nationen als Freilichtmuseen sorgsam hüten - wie beispielsweise Waterloo in Belgien, Gettysburg und Little Big Horn in den USA oder Cullodden in Schottland - wird in Deutschland gnadenlos verplant, umgebaggert und zubetoniert.

Denn Schlachtfeld-Archäologie ist hierzulande leider noch ein Fremdwort, von den Historikern im universitären Elfenbeinturm ignoriert. Dabei zeigt etwa die akribische Auswertung des Schlachtfelds am Little Big Horn (VISIER 1/90) wieviel Aufschluß auch winzige Bodenfunde über Gefechtsabläufe geben. In Torgau sind solche Funde nur Zufallstreffer. Vor kurzem fand sich dort aber sogar ein Küraß, und bei einer Probebegehung des Schlachtfeldes durch Militärhistoriker konnten in zwei, drei Stunden rund 150 Kugeln zu Tage gefördert werden.

Funde wie dieser haben aber schon allein wegen der finanziellen Not im Siebenjährigen Krieg Seltenheitswert. Tempelhoff, ein Augenzeuge der Schlacht, berichtete: "Das vom Feinde erbeutete Geschütz wurde zusammengesucht. Ich selbst hatte diesen Auftrag nebst einigen anderen Offizieren von der Artillerie. Wir brachten 45 Kanonen von verschiedenen Kalibern und siebenpfündige Haubitzen zusammen. Die preußische Artillerie, die in der Dommitzscher Heide und auf dem Felde bei Neiden und Elsnig zerstreut herumstand, wurde ebenfalls gesammelt und was davon nicht bespannt werden konnte, nach Torgau gebracht." Aber: Jeder Infanterist hatte 40 bis 60 Patronen, das bedeutet auf den eineinhalb Quadratkilometern des friderizianischen Grenadierangriffs ein Potential von 300.000 Bleikugeln.

Mit dem Berechnen des möglichen Fundes und der Suche allein ist es aber nicht getan, Schlachtfeld-Archäologie kann nicht Sondengängern und Raubgräbern überlassen werden. Nach dem Vermessen der Fläche müssen Karten gezeichnet werden, auf denen das Gelände nach taktischen Schwerpunkten wie Marschwege und Lager markiert wird. Die Suche müßte dann unter wissenschaftlicher Aufsicht schichtenweise erfolgen: zuerst mit Metalldetektoren, die rund 20 Zentimeter tief in die Erde reichen, dann etwa mit Minensuchgeräten (40 cm Tiefe) und schließlich mit Sonden (bis vier Meter) zur Lokalisierung von Geschützprojektilen. Aber es gibt ein großes Problem: wegen der Korrosion drängt die Zeit.

Schlachtfelder und ihre Funde sind anschaulicher als jeder Vortrag: Sie sind ein Stück Geschichte zum Anfassen - in Torgau schlummert ein Kapitel Heimatkunde in der Erde.


Service

Die Stadt Torgau hat in sein Jahr ein ganz besonderes Jubiläum- den d0. Jahrestag der Begegnung amerikanischer und sowjetischer Soldaten am 25. April 1945. Der „Elbe-Day" wird deshalb 1995 mit besonders großem Programm volle fünf Tage, vom 20. bis 25.April, gefeiert. Für jeden Geschmack wird etwas geboten: beim Internationalen Jazz Camp spielen Dixieland-Bands aus aller Welt, jede Nacht kann man sich mit einem Dampfer zur Riverboat Shuffle auf die Reise machen.

Aber nicht nur mit Musik und Volksfesten wird für gute Unterhaltung gesorgt, mit Diskussionsabenden, Vorträgen und Film-Vorführungen wird an den historischen Anlaß erinnert sowie der Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft gedacht.

Im Mittelpunkt der Veranstaltungstage steht aber natürlich das Veteranentreffen am 24. und
25. April, das mit Gedenkveranstaltungen am Denkmal der Begegnung und Treffen mit Torgauer Bürgern verbunden ist.

Alle zwei Jahre hält die Stadt den Auszug der Geharrnischten ab. Vom 16. bis 19. Mai 1996 lassen die Torgauer in alten Uniformen und hoch zu Roß das 16. Jahrhundert wieder aufleben. Denn am 21. März 1542 rückten 128 Mann zur Verteidigung ihrer Stadt aus. Nach dem unblutigen Ende der Schlacht feierten die Bürger traditionell jedes Jahr ein Volksfest mit Waffenübung, das 1994 erstmals seit 1938 wiederbelebt wurde.

Mit dem Torgauer Stadtfest vom 29. bis 1. Oktober lebt Blütezeit der Stadt, die Renaissance wieder auf.
Informationen zu allen Festen und Übernachtungsmöglichkeiten erhalten Sie beim Fremdenverkehrsbüro der Stadt, Telefon 03421/712671.


 

Von Klaus Paprotka und Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER 4/1995, S. 146 bis 150