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Eine Dienst-Waffe
Auf Gedeih und Verderb
Heimatkunde
Auf hohen Rossen
Die Grenz-Fälle
Oh, Ney
Untergangs-Stimmung
Bisley sehen und ...
Heilig's Blechle

Die Grenz-Fälle

Ihre Tapferkeit führte die Hilfstruppen Maria Theresias von der Türkei bis Berlin – ohne Marsch in Reih und Glied.


 
 

Friedrich der Große beherrschte bekanntlich alle Situationen mit preußischer Disziplin. So soll er auch bei einem Überfall im Sommer des Jahres 1758 beherzt gehandelt haben, als er sich während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) zwischen Preußen und Österreich auf dem Rückzug von Olmütz befand: Nur mit kleinem Gefolge unternahm er einen Erkundungsritt. Plötzlich eröffneten im Gebüsch versteckte Panduren das Feuer auf die Reiter, doch der Alte Fritz ignorierte den Zwischenfall. Erst als ein Feldjäger erschrocken aufschrie, weil ein Pandur direkt an der Straße hinter einem Baum hervorsprang und auf den Souverän zielte, reagierte der König. Gebieterisch reckte er seinen Gehstock in die Höhe und schimpfte: "Du! Du! Du!" Prompt setzte der Angreifer eingeschüchtert das Gewehr ab und stand stramm, bis der kleine Troß an ihm vorüber war.

Eine schöne Anekdote, aber Begegnungen mit Hilfstruppen aus den Grenzgebieten des habsburgischen Reiches gingen meistens nicht so glücklich aus. Prinz Ferdinand von Braunschweig beschwerte sich 1745 über diese ehrenrührige Angriffsweise: "Sie haben uns mit ihren Flinten zwei Leute verwundet, indem sie immer wie Diebe und Räuber hinter Bäumen versteckt sind und sich nie im offenen Feld zeigen, wie es braven Soldaten geziemt." Tatsächlich verband die Heiduken, Saveströmer und Kroaten - wie die Grenzer genannt wurden - nur wenig mit ordentlichen Soldaten: ihre phantasievollen, exotischen Uniformen im Husarenstil, die gezwirbelten Schnurrbärte und langen Zöpfe gaben ihnen ein wildes Aussehen; und die oft wie zufällig zusammengewürfelte Bewaffnung schien wirklich von Räubern zu stammen, und nicht von regulärem Militär.

Doch mit den wohlgeordneten Linienkämpfen hatten die Hilfstruppen auch nichts zu tun. Sie bildeten wie die Husaren "leichte Truppen", die im Hinterland operierten. Fast ganz ohne Gepäck, ohne Wagen und Packpferde schwärmten sie in Kleinstgruppen aus: Ihr Geschäft waren ständige Überfälle auf feindliche Nachschubtransporte, auf Lager und Feldposten sowie regelmäßige Erkundungsvorstöße, um die Pläne und Truppenbewegungen der Gegner auszuspähen. Dabei war kein Dorf vor ihren Plünderungen sicher ohne Rücksicht darauf, auf welcher Seite es stand.

Für diesen Krieg im kleinen - damals Parteigängerkrieg genannt - konnte Kaiserin Maria Theresia keine Weichlinge gebrauchen. Die Saveströmer rekrutierten sich aus der bäuerlichen Bevölkerung in Ungarn, Kroatien, Slawonien und den anderen habsburgischen Grenzländern. Gegen Zugeständnisse wie Religions- und Steuerfreiheit sowie Land als Erblehen traten sie in die Dienste der Krone. Der preußische Offizier Archenholtz lobte: "Ihre Gebiete zeichnen sich durch sandigen und ziemlich öden Boden aus, viele Wälder sind von wilden Tieren bewohnt. Aber gerade diese Bedingungen härten die großen und kräftigen Gestalten der Kroaten ab, gewöhnen sie an die Mühen, die das Leben bringen kann, und machen aus ihnen Soldaten. In diesem rückständigen Land müssen die Leute auf die Jagd gehen, um zu leben, und dieser Umstand zwingt sie, jeder Gefahr zu trotzen. Daher rührt ihr großer Mut. Sie zeigen eine erstaunliche Beherrschung, wenn sie sich mit Hunger und Durst, Frost und Hitze abfinden, aber auch bei größten körperlichen Schmerzen... Der Tod hat für sie keine Schrecken. In ihrer Liebe für das Vaterland und den Herrscher übertrifft sie kein anderes Volk."

Österreich machte sich diese Eigenschaften schon lange vor dem Siebenjährigen Krieg zunutze. Nachdem die türkische Armee in der Schlacht von Mohacs am 26. August 1526 das ungarische Heer vernichtet hatte, richtete Wien ab 1529 eine besiedelte Militärgrenze von 30 bis 50 Kilometern Tiefe als Schutzwall ein. Erzherzog Ferdinand baute seit den 30er Jahren dort eine Bauernmiliz auf: Christen, die vor den Türken in die benachbarten Teile Ungarns und Kroatiens geflohen waren, erhielten für ständigen Militärdienst Land als erbliches Lehen. Nach Ende des zweiten Türkenkrieges fielen 1699 Ungarn, Kroatien, Slawonien und Siebenbürgen an Österreich, nach dem dritten Türkenkrieg folgten das Banat, Nordserbien und die kleine Walachei. Prinz Eugen von Savoyen, Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen, führte ab 1699 die Neuorganisation der Militärgrenze durch. Es entstanden das Karlstädter-, Warasdiner und Banat-Grenzgeneralat, 1702 das Slawonische.

Die ansässigen slawischen und deutschen Bauern wurden zur ständigen Verteidigung der Grenzen verpflichtet: ein Drittel versah die Grenzüberwachung, das zweite stand immer marschbereit und der Rest bestellte die Felder. Mit der strengen Sicherung der Grenzen schlug Wien gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie bot nicht nur militärischen Schutz, sondern auch Schutz vor Krankheiten. Drohte die Ausbreitung einer Pestepidemie, kontrollierten die Hilfstruppen streng die Grenze. Alle Übergänger mußten sich in Quarantänestationen untersuchen lassen. Diese "Pestfront" stellte vermutlich die größte sanitäre Organisation zur Abwehr von Seuchen im 18. Jahrhundert dar.

Die umfangreichste Grenzreform veranlaßte Kaiserin Maria Theresia, wodurch die Grenzer fest in die österreichische Armee eingegliedert wurden (siehe Kasten Seite 142). Sie beauftragte Joseph Friedrich Herzog von Sachsen-Hildburghausen ab 1743 mit der Neuordnung. Im gleichen Jahr löste sie den bisher für die Verwaltung zuständigen Grazer Hofkriegsrat auf und betraute damit eine neue Behörde, das "Militärdirektorium" unter Leitung des Herzogs. Mit ihm hatte die Kaiserin die richtige Wahl getroffen, schon 1736 begeisterte er sich für die Grenzer: "Und unauflöslich an ihr Vaterland geknüpft... mit allen ihren Fehlern, und in der Dämmerung der Barbaren selbst, noch immer das einzige wirkliche Ideal der Soldaten." Unverzüglich organisierte er die Grenzer in Territorialregimenter um: Das Karlstädter Generalat stellte nun vier Infanterie-Regimenter, das Liccaner, Oguliner, Otochaner und Szuiner. Das Warasdiner Generalat bildete das sogenannte Kreuzer und das St. Georger Infanterieregiment, Drei weitere Regimenter wurden an der slawonischen Militärgrenze aufgestellt. Außerdem rekrutierte sich in jedem Generalat ein Husarenregiment. Am 23. April 1747 beschloß die Kaiserin die Aufwertung der Grenzregimenter: "Sie sollen in allem gehalten werden als wie die anderen Regimenter, außer daß sie Grenzregimenter genannt sollen werden und allezeit die letzten im Rang nach allen anderen Linien-Infanterie-Regimentern gehen sollen." Als Sachsen-Hildburghausen im Jahr 1749 sein Kommando niederlegte, wurden die kommandierenden Generale im Karlstädter und Warasdiner Generalat direkt dem Wiener Hofkriegsrat unterstellt.

1757 schließlich entschied Maria Theresia über eine einheitliche Uniform: "Bleibt dabei, daß Karlstädter, Warasdiner und Slawonier jedes a parte eine Farbe wählen können. Die Regimenter sollen unterschieden werden durch einige Kleinigkeiten, die sie vorschlagen sollen." Die neue Ausrüstung im Husarenstil bis dahin trugen die Männer meist ihre Nationaltracht sah für alle einen geschnürten Dolman mit ebenfalls geschnürter Schärpe vor, zu denen enge Hosen oder weite türkische Pumphosen kombiniert wurden. Eine Besonderheit stellte ihr Schuhwerk dar, die "Opanken". Auf den ersten Blick wirkten sie provisorisch, tatsächlich handelte es sich dabei um sorgfältig zugeschnittene Lederlappen mit Riemenbindung. Herkömmliche Schuhe scheinen nur die Warasdiner Regimenter bevorzugt zu haben. Als Kopfbedeckung trugen die Grenzer den "Klobuk", eine hohe, zylindrische Filzmütze, oder die Czakelhaube, eine konische Filzmütze mit fallendem Flügel. Offiziere wählten häufig den Dreispitz. An kleinen Abzeichen auf den Mützen konnten die Regimenter voneinander unterschieden werden. Aber auch nach der Reform hielten die Kroaten an ihren Schnurrbärten und den Zöpfen fest; nur die Warasdiner traten hin und wieder mit gepuderten Seitenlocken auf.

Auch bei der Bewaffnung bemühte sich Wien zusehends um eine Vereinheitlichung (siehe Kasten Seite 143): Ab 1751 gingen die ersten Bajonette an die Grenzer, und 1755 empfingen die drei slawonischen Regimenter eine Lieferung von 9182 Musketen. Die Ausrüstung vervollständigte ein Säbel im Husarenstil mit reichem Scheidenbeschlag und ein türkischer Handschar (Yatagan), ein Dolch, auf den man im Liegen die gezogene Büchse auflegen konnte.

Mit dieser Ausrüstung kämpften zwischen 1756 und 1763 fast 88 000 Grenzer für Österreich. Zu Beginn des Krieges umfaßten die Hilfstruppen 34 000 Infanteristen und 6000 Reiter, etwas mehr als ein Viertel der habsburgischen Armee. Für sie stellte der Krieg gegen Preußen die große Bewährungsprobe dar: Im Oktober 1757 beteiligten sich 2100 Szuiner und Gradiscaner an Feldmarschall-Leutnant Andreas Hadiks spektakulärem Streifzug nach Berlin; die Stadt mußte für ihre Freisetzung 200.000 Taler zahlen. Die Kroaten hätten sich keinen besseren Beweis für ihre Schlagkraft wünschen können.

Nach Kriegsende 1763 war man denn auch voll des Lobes: Für den Franzosen Honore Gabriel Graf von Mirabeau stand fest, daß keine andere leichte Truppe den Grenzern ebenbürtig sei. Allein ihnen und den Husaren verdanke die Habsburger Monarchie ihren militärischen Ruhm. Und Jakob de Cognazzo, ein österreichischer Offizier aus Norditalien, zog Bilanz: "Kein General glaubte, daß er abseits der Hauptarmee ohne einige hundert 'Rotmäntel' auskommen konnte, die für seine Sicherheit sorgten. Daher hatten wir einige dieser tapferen Männer fast überall..." Auch Wien war vom Erfolg der Militärgrenze überzeugt und setzte sie flugs in Südungarn und Siebenbürgen fort. Doch für die Hilfstruppen begann nun auch der militärische Drill: Feldmarschall Franz Moritz Lacy, einer der bedeutendsten Heeresorganisatoren des 18. Jahrhunderts, erarbeitete noch 1863 ein "Reglementmanual" - und preßte damit die Grenzer in ein stures Exerzieren.

Nur beim Volk hing den Grenzern noch ein schlechter Ruf als Diebesgesindel an. Doch der österreichische Staatsmann Wenzel Anton Graf Kaunitz hob zur Lobeshymne an: "Die öffentliche Meinung wird den Grenzern nicht gerecht. Denn diese Leute sind die, welche als erste auf den Feind stoßen, mit ihm in Fühlung bleiben und ihn im Zustand dauernder Unruhe halten. Die Kroaten setzen sich größeren Unannehmlichkeiten und größerer Gefahr aus als die anderen Truppen, ohne die gleiche Obhut zu erhalten. Sie müssen mehr laufen als marschieren. Keine Mühsal wird für sie als zu groß angesehen, und ihren Verlusten wird fast keine Beachtung geschenkt. Den Kroaten und Husaren ist es aber zu verdanken, daß die Armee in Frieden schlafen kann, daß die regulären Truppen geschont werden, und daß unser Land von feindlichen Streifzügen geschützt wird."

Letztendlich überholte sich die Einrichtung der Grenzer selbst: Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im 19. Jahrhundert verlor die Habsburger Monarchie das Interesse an der Militärgrenze, zumal ihre Privilegien inzwischen Allgemeingut geworden waren. Die letzten Grenzregimenter wurden am 1. Oktober 1873 aufgelöst - auch wenn das österreichische Heer damit eine besondere Note verlor.


Armee-Bestand

Als Kaiser Karl VI im Jahr 1740 starb, befand sich die österreichische Armee in reformbe-. dürftigem Zustand Seine erst 23jahrige Tochter und Thronerbin Maria Theresia sah sich schon nach kurzer Regierungszeit in der Bedrängnis, mit diesem Heer im Österreichischen Erbfolgekrieg gegen eine starke gegnerische Koalition aus Preußen, Bayern, Sachsen, Frankreich und Spanien bestehen zu müssen. Nach dem Frieden von Aachen 1748 (und damit der Bestätigung Österreichs als Großmacht) startete Maria Theresia die längst notwendige Heeresreform, jedoch nicht im herkömmlichen Sinne als umfangreiche Aufrüstung, sondern als eine grundsätzliche Erneuerung der Heeresstruktur- dazu gehörte in erster Linie die Vereinheitlich ung und" Verstaatlichung" des Heeres, das nun zentral von Wien aus gesteuert wurde. Der Offiziersstand erhielt eine Aufwertung - eine Neuerung, mit der Kaiserin Maria Theresia wirkte. Am 14. Dezember 1751 richtete Maria Theresia die Burg in der Wiener Neustadt als Offiziersausbildungsanstalt ("adelige Kadettenschule") ein. Die Schule bildete ein Kadettenkorps aus zwei Kompanien mit jeweils 100 Mann auf Staatskosten für den Militärdienst aus - eine Kompanie rekrutierte sich aus jungen Adeligen die andere aus Offizierssöhnen. Nach 1763 zog die Kaiserin aus den Erfahrungen des Siebenjährigen Krieges Bilanz und ließ detaillierte Reformen erarbeiten, für die das preußische Heerwesen Pate stand.


Service

Im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien (1030 Wien, Arsenal, Te. 0222 - 79561, Öffnungszeiten täglich außer Freitag 10 bis 16 Uhr) it im "Maria-Theresien-Saal" eine Ausstellung zur österreichischen Armee des 18. Jahrhunderts zu besichtigen. In drei Abschniten werden Waffen, Bilder und Uniformen präsentiert; zu den Mittelpunkten der Sammlung zählt die Waffenkammer.

Außerdem ist von Dr. Erich Gabriel, dem Museumsleiter, unter dem Titel "Die Hand- und Faustfeuerwaffen der habsburgischen Heere" in der Schriftenreihe des Museums (Band 11) ein Standardwerk erschienen.


 

Von Michael Solka und Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 8/1995, Seite 138 bis 143