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Ein Amerikaner in München
Eine Dienst-Waffe
Auf Gedeih und Verderb
Heimatkunde
Auf hohen Rossen
Die Grenz-Fälle
Oh, Ney
Untergangs-Stimmung
Bisley sehen und ...
Heilig's Blechle

Oh, Ney ...

Ein Handwerkssohn aus Saarlouis lehrte preußische Generäle das Fürchten und zwang einen Kaiser zur Abdankung – doch an Napoleons Rückkehr ging er zugrunde.


 
 

Tollkühne Attacken und Gefechte, aber auch ein ungezügeltes Temperament galten als sein Markenzeichen. Wie kaum ein anderer erhielt er Titel und Auszeichnungen. Zu den wichtigsten Stationen seiner glänzenden Karriere zählen: Mit erst 27 Jahren die Beförderung zum General, zwei Jahre später stand er zeitweise der Rhein-Armee vor. Mit 35 Jahren gehörte er zu den „Maréchal de l’Empire“. Schließlich folgten die Titel „Duc d’Elchingen“, „Prince de la Moskowa“ und 1814 - unter dem zurückgekehrten König - die Mitgliedschaft in der Pairskammer.

Marschall Michel Ney, ein klassischer Vorzeige-Held. Denn in einem Europa ohne Grenzen könnte der Saarländer in Frankreichs Diensten durchaus zu einer neuen, nationale Grenzen und Eifersüchteleien überschreitenden Symbolfigur werden – etwa für die deutsch-französische Brigade. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, wäre er zur Zeit des Ancien Régime wohl bestenfalls Wachtmeister geworden, keinesfalls ein hochdekorierter General. Doch die Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche ab 1798 eröffnete ihm alle Möglichkeiten. Praktisch ohne militärtheoretische Fähigkeiten, dafür aber mit viel Schneid, machte er seinen Weg als „Beau-Sabreur“, als Säbelheld, in der französischen Armee.

Zwischen 1795 und 1815 nahm er an über 500 Schlachten teil – und erlebte fünf Staatsformen: vom Absolutismus über die Revolutionsjahre, die Erste Republik und die Kaiserzeit Napoleons bis zur Restauration. Ein Holterdipolter, das Ney mit einer ihm eigenen Pflicht-Auffassung betrachtete. So schrieb er schon nach Napoleons Staatsstreich anno 1799 an einen befreundeten General: „Mein einziger Ehrgeiz, den ich besitze, besteht darin, meine Pflicht zu tun: Nie werde ich mich dazu erniedrigen, lediglich Personen zu dienen! Ich widme mich meinem Land!“ Immer das Richtige für Frankreich, nicht für seinen Regenten tun – dieser Grundsatz ließ den jungen Marschall auf dem Schlachtfeld über sich hinauswachsen; doch nach der Rückkehr Napoleons 1815 wurde er dafür hingerichtet.

Leben und Sterben für Frankreich – Michel Neys Vater, ein Küfermeister aus Saarlouis, plante für seinen am 10. Januar 1769 geborenen Sohn etwas anderes: Besser als er selbst sollte es der Sprössling haben, also schickte man ihn in das namhafte Augustiner-Kolleg am Ort. Als er mit 13 Jahren eine Lehre als Notariatsgehilfe antrat, besaß er für einen Handwerker-Jungen eine sehr gute Ausbildung. Aber die Jurisprudenz konnte den impulsiven Ney nicht fesseln: Nach mehreren Umwegen als Sekretär und Handlungsgehilfe meldete sich der 19jährige schließlich gegen den Willen seiner Eltern als Freiwilliger in die königliche Armee.

Nach einer beschwerlichen Reise traf Michael Ney am 6. Dezember 1788 in der Kaserne des Regiments Colonel-Général-Hussaards in Metz ein, mittellos, aber selig. Schnell behauptete sich der junge Soldat unter seinen Kameraden vom 5. Husaren-Regiment: Jedermann nannte ihn wegen seiner rötlichen Haare scherzhaft nur „Carotte“ oder „Rougeaud“, aber alle achteten ihn als glänzenden Reiter und Fechter. Und für den nötigen Respekt wußte Ney schon zu sorgen: Als sich sein Regiment in einem Café vom Fechtmeister des Chasseur-Regiments beleidigt fühlte, trat natürlich Ney zum Duell an. Der machte seinem Ruf auch alle Ehre – mit einem einzigen Streich hieb er dem Kontrahenten vier Finger ab. Draufgängerisch, mutig und tapfer - Ney stieg schnell auf: 1790 wurde er Brigadiers (Unteroffizier), zwei Jahre später Maréchal des logis (Wachtmeister), wenige Wochen darauf Maréchal des logis-chef (Schwadrons-Stabswachmeister).

In ‚normalen Zeiten’ wäre für Michel Ney die Karriere nun wohl zu Ende gewesen. Doch die Verhältnisse hatten sich gewandelt: 1792 erklärte Frankreich Österreich und Preußen den Krieg. Die durch die Revolution gelichteten Reihen der höheren Dienstgrade füllten junge nicht-adelige Soldaten auf. So zog Ney im Juli 1792 als Sous-Lieutenant (provisoire) gegen die preußische Invasionsarmee aus. Und als am 21. September 1792 der Nationalkonvent in Paris die Republik ausrief, erhielt Ney am 5. November seine Berufung zum Lieutenant.

Schon im folgenden Jahr avancierte er zum Adjutanten, 1794 zum Kapitän. Einher mit den Titeln gingen hervorragende Führungszeugnisse, die ihm auch bescheinigten, "daß er in diesem Dienst die ganze Intelligenz, den Patriotismus eines erklärten Republikaners " besaß. Bald war er nicht mehr der Rotschopf, sondern "der Unermüdliche". General Kleber, Freund und Förderer Neys, machte ihn zu seinem Generaladjutanten und berichtete begeistert von seinen "Wundertaten an Mut" nach Paris, eine Kostprobe: "Mit 30 Dragonern und einigen Jägern griff er 200 Husaren des Gegners an und brachte sie völlig durcheinander." - und Ney wurde bald darauf Generaladjutant und Bataillonskommandeur.Dennoch, Ney ging seinen eigenen Weg. Als er im Winter 1794/95 nach einer schweren Verwundung zum Brigadegeneral befördert werden sollte, lehnte er rundweg ab: Das habe er nicht verdient. So trat er seinen Genesungsurlaub ‚nur’ als Brigadekommandeur (Oberst) an. Eineinhalb Jahre später ließ es sich Kléber jedoch nicht nehmen, Ney zum Brigadegeneral zu ernennen. Im März 1799 folgte die Beförderung zum Divisionsgeneral - und wieder zierte sich der Anwärter. Doch diesmal vergeblich, das Direktorium verpaßte ihm den Titel, Ney, der "größte Waghals der Armee", der mit 500 Mann gegen 10.000 Gegner antrat und dem in nur einem Feldzug zwölf Pferde getötet wurden, ihn plagten Zweifel, ob er mit seinen geringen militär-theoretischen Kenntnissen den hohen Ansprüchen eines Generals genügen konnte.

Während Ney in den folgenden zwei Jahren mit Bravour seinen Dienst in der Rhein-Armee meisterte und sie nach der Absetzung von General Muller sogar übergangsweise befehligte, überstürzten sich die Ereignisse in Paris. Im Oktober 1799 kehrte Napoleon überraschend vom Ägypten-Feldzug zurück; am 8. November setzte er das Direktorium ab und ernannte sich zum Ersten Konsul. Erst mit dem Frieden von Lunéville am 9. Februar 1801 sollte Ruhe einkehren. Aber Napoleon überschüttete seine Italien-Armee mit Ehrungen und entließ die Rhein-Armee ohne große Dankensworte. Für die "Rhinois" - die meisten eingeschworene Republikaner ein Affront. Viele von ihnen, wie Moreau, unterwarfen sich dem Konsul nicht und verschwanden bald von der militärischen Bühne.

Auch für Ney schien die Situation zunächst ungewiß. Bis er im Mai 1801 eine Einladung nach Paris erhielt, wo Napoleon den erfolgreichen 32jährigen General wohlwollend empfing. Zur Jahreswende 1801/02 machte er Ney zum Generalinspekteur der Kavallerie. Der zweite Streich: Gemeinsam mit Josephine erkor Napoleon Aglaé Auguié als Gemahlin für Ney aus. Die vorbildlich in Konversation geschulte Pensionatsabsolventin konnte zwar zunächst nur wenig mit dem in Gesellschaft eher linkisch auftretenden General anfangen, doch durch ihre gemeinsame Liebe zum Flötenspiel kamen sie sich näher und heirateten im August 1802 - die Rechnung ging auf. Napoleon hatte Ney auf seiner Seite. Trotzdem entzog sich der neue Protegé am liebsten dem höfischen Zeremoniell und fuhr mit seiner Frau und den drei Söhnen auf seinen Landsitz La Petite Malgrange vor den Toren von Nancy. Zwang ihn die Etikette zu einem der steifen Bälle, wußte er sich zu entschädigen: Am nächsten Morgen startete Ney mit seinen Offizieren zu einem umso anstrengenderen Geländeritt.

Ausgerechnet diesen draufgängerischen, aber scheuen und diplomatisch unerfahrenen Kavalleristen wählte Napoleon 1803, um in der Schweiz eine ihm genehme Verfassung einzuführen. Entscheidend war dafür vielleicht, daß Ney (neben Kellermann, Lefèbvre, Augereau und Rapp) zu den fünf hohen Offizieren zählte, die Französisch und Deutsch sprachen. Noch während Ney in der Schweiz verhandelte, sammelten sich ab Ende 1803 an der Atlantikküste rund 200.000 Franzosen zur Offensive gegen England. Ab dem 3. März 1804 befand sich Ney in Montreuil bei dem ihm unterstellten 6. Armeekorps. Ende August 1805 zogen die Franzosen jedoch unverrichteter Dinge gen Deutschland.

Die rund eineinhalb Jahre im Truppenlager nutzte Ney zu militär-theoretischen Studien. Bis dahin hatte er sich meist mit den Aufgaben der leichten Kavallerie beschäftigt, nun widmete er sich der Infanterie-Taktik und verfaßte mehrere Handbücher. Vermutlich entstanden sie unter dem Einfluß des Schweizer Barons Jomini, einem Stabsoffizier und Militär-Schriftsteller, der sich dem Neyschen Korps anschloß.

Aus Neys Schriften geht auch hervor, daß er von blindem Kadaver-Gehorsam wenig hielt: "Jede Kriegsoperation beruht auf dem Vertrauen, welches man nur durch das Beispiel erlangen kann, das der General geben muß. Die Gefahr muß für alle gleich sein ... Unsere Soldaten sollten über den Grund eines jeden Krieges belehrt werden." Mit welchem Eifer Ney Verbesserungen suchte, zeigt folgende Anekdote: Als ihm ein Zivilist einen selbstkonstruierten Fesselballon zur Aufklärung anbot, soll Ney fasziniert zugegriffen haben. Freilich ging die Sache schief - und Ney, um 30.000 Francs erleichtert, blieb bei seiner leichten Kavallerie.

Während der Zeit in Montreuil erhielt Ney auch eine wichtige Beförderung: Napoleon ernannte ihn kurz nach seiner Kaiser-Krönung zum Marschall. Und Ney gehörte zu den Auserwählten, die am 14. Juli 1804 mit dem Großkreuz der Ehrenlegion geehrt wurden. Dafür hetzte Ney in den folgenden sieben Jahren förmlich von Gefecht zu Gefecht. Die wichtigsten Stationen: 1805 erhielt er das Kommando über das 6. Korps der Grande Armee, für seinen Einsatz bei der Schlacht von Elchingen bekam er am 6. Juni 1808 den Titel" Herzog von Elchingen". Dann: 1806 Jena, 1807 Polen, Friedland, 1808 Spanien und 1810 Portugal.

Schließlich führte Ney beim Russland-Feldzug das Kommando über das 3. Korps der Großen Armee - und wieder folgte ein Titel: Nach der Schlacht von Borodino (25. 3. 1813) wurde Ney "Prince de la Moskowa“. Voller Bewunderung meldete General Philippe-Paul Ségur nach Paris: „(Er) … wirft sich unter die Fliehenden und führt sie wieder ins Feuer, wo er , mit dem Gewehr eines der Flüchtenden bewaffnet wie ein schlichter Soldat das Leben wagt …“. Ab Wjasma deckte Ney mit dem 1. Korps den Rückzug und erlebte grausame Szenen wie diese: Bauersfrauen schlugen in der Nähe von Wjasma wild auf die Köpfe von Gefangenen ein, die sie auf einen Kiefernstamm legen mussten. Mit nur 6000 Mann kam Ney bis Krasnoje, dort schnitten ihn russische Einheiten vom Haupttrupp ab. Bis die Verbindung am 21. November 1812 wieder existierte, bestand das Korps nur noch aus etwa 1500 Soldaten.

1813 folgten Weissenfels, Lützen und schließlich Leipzig. Napoleon war im Begriff, die letzten Reserven seiner Armee aufzubrauchen. Am 1. April 1814 rief Talleyrand den Senat zusammen, der die Absetzung Napoleons beschloß und die Armee von ihrem Treue-Eid lossprach. Nun hatten die Marschälle freie Hand. Das Treffen zwischen dem Kaiser und seiner Elite in Fontainebleau am 4. April 1814 verlief eisig. Allen voran verweigerte Ney, gefolgt von den Marschällen Lefèbvre, Moncey sowie Macdonald und Oudinot, Napoleon die Gefolgschaft zu einem sinnlosen Marsch auf Paris: "Sire, die Armee wird nicht marschieren!" Auf Napoleons Befehl: "Die Armee wird mir gehorchen! " bestimmte Ney: "Die Armee gehorcht nur noch ihren Generälen!" Die von Napoleon einmal salopp geäußerte Bemerkung: "In Ney steckt etwas von Undankbarkeit und Aufsässigkeit. Sollte ich von der Hand eines meiner Marschälle sterben, so ist zu wetten, daß es die seine sein wird." - nun bekam sie einen ernsten Hintergrund.

Neben Caulaincourt und Macdonald gehörte Ney zu den Bevollmächtigten des Kaisers, welche die Verhandlungen mit der provisorischen Regierung um Talleyrand führten. Inwiefern Ney ihm zuarbeitete, blieb umstritten. Sein größter Fauxpas: In einem nächtens geschriebenen Brief nahm er Napoleons Zustimmung zur bedingungslosen Abdankung (und damit den Thronverzicht für dessen Sohn) vorweg und bestätigte sie den Alliierten - ohne mit den anderen Bevollmächtigten oder dem Kaiser gesprochen zu haben. Für Napoleon ein Vertrauensbruch, doch er wußte: " Ich kenne ihn; er war gestern gegen mich, und morgen würde er wieder für mich durchs Feuer gehen."

Beim Einzug des Prinzen gehörte Ney zum Begrüßungskomitee. Er setzte voll auf die neue Bourbonen-Herrschaft: "Majestät, machen Sie die alte kaiserliche Garde zu Ihrer königlichen Garde, und der Thron wird unerschütterlich sein." Und wie dreizehn Jahre zuvor Napoleon, nahm Ludwig XVIII. den kaiserlichen Marschall mit offenen Armen auf: Er bestätigte ihm alle Titel, machte ihn zum Mitglied der Pairskammer und Generalleutnant. Aber: Das arrogante Auftreten der alten Aristokratie, die rund 300.000 demobilisierten Soldaten ohne Existenz - derartige Mißstände trübten die Hoffnungen. So schlug Napoleons Landung am 1. März 1815 wie eine Bombe ein.

Ney reagierte mit Entsetzen, "in einen eisernen Käfig" solle Napoleon gesteckt werden. Für die heikle Aufgabe, den Ex-Kaiser in seinem Marsch nach Paris aufzuhalten, mußte Ney herhalten: Der Kaiser erreichte Lyon, ohne daß ein Schuß fiel, begleitet von Begeisterungsstürmen der Bevölkerung und unterstützt von übergelaufenen Regimentern. Der Oberkommandierende der Armee (der Bruder des Königs) ergriff die Flucht nach Paris. Von dort kam keine Silbe an Ney, keine Verstärkung und keine Munition. Stattdessen überschlugen sich die Meldungen, Frankreich stehe hinter Napoleon. Bei einem militärischen Eingreifen schien die Gefahr eines Bürgerkrieges hoch. Als dann in der Nacht vom 13. auf den 14. März zwei napoleonische Abgesandte Ney aufsuchten, war er bereits mürbe. Und als sie ihm vorgaukelten, die königliche Familie sei schon geflohen, kippte er.

Napoleon hatte seinen Marschall wieder - und den treuen Gefolgsmann, dem er in Waterloo den taktischen Oberbefehl übertrug. Inwieweit Ney tatsächlich schwere taktische Fehler beging (oder seitens Napoleons . falsche Entscheidungen getroffen wurden), darüber streiten die Experten bis heute. Doch allein am 18. Juni 1815 verlor er fünf Pferde im Kampf. Vergeblich versuchte er, die panikartig aus einanderlaufenden Regimenter unter Kontrolle zu bringen. Die Schlacht war verloren - Ney schloß sich den nach Frankreich zurücktaumelnden Soldaten an.

Am 21. Juni 1815 traf er in Paris ein. Nun saß er zwischen allen Stühlen: Vor den Bonapartisten mußte er sich für sein Scheitern in Waterloo rechtfertigen, nach der Rückkehr der Bourbonen würde er wegen Hochverrats vor Gericht gestellt. Widerstrebend floh er mit einem gefläschten Paß, den Fouché ihm zusteckte, nach Südwestfrankreich.

Dort gelang seine Verhaftung zufällig, als ihn eine royalistische Nachbarin anzeigte. Zurück in Paris, lehnte Ney das Kriegsgericht ab und verlangte, sich nur vor der Pairskammer, der höchsten richterlichen Instanz, rechtfertigen zu müssen. Ein Viertel der 214 Pairs blieb der Verhandlung fern. Sie wollten mit dem Urteil nichts zu tun haben, das von vornherein feststand: die Todesstrafe wegen Hochverrats. Da hatte auch der verzweifelte Versuch der Verteidigung keine Chance, als sie darauf verwies, daß seit dem Friedensvertrag vom 20. November 1815 die Geburtstadt Neys, Saarlouis, zu Preußen gehöre und er also nicht mehr der französischen Rechtssprechung unterstehe.

Hier widersprach Ney selbst vehement: "Ich bin Franzose! Ich werde als Franzose sterben! " Am 7. Dezember 1815 starb er im Feuer des Exekutionskommandos, mit unverbundenen Augen und ohne auf die Knie zu gehen.


 

Von Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 5/1996, Seite 150 bis 159



Vom Handwerker zum Höfling

Mit der Ausrufung des Kaisertums am 18. Mai 1804 begann Napoleon I. einen Hofstaat ä la Versaille aufzubauen. Am Tag -:JiacA seiner Krönung (2. Dezember 1804) ernannte er 14 Generäle zu "Marechal de l'Empire". Darunter befanden sich sieben Offiziere, die in der ehemaligen Rhein-Armee Kommandoposten inne hatten, sowie sieben Generäle der alten Italien-Armee und vier Titular-Marschälle.

Als äußeres Zeichen mit dem Marschall-Stab ausgestattet, bildeten sie zusammen mit den vielen von Napoleon im Laufe seiner Amtszeit ernannten Barone, Grafen und Herzöge die neue Aristokratie Frankreichs. Viele kamen wie Michel Ney aus einfachsten Verhältnissen, so war Lefebvre der Sohn eines Müllers, Murat der eines Wirts und Berthier selbst Portier.

Mit der Verleihung von Titeln versuchte Napoleon seine hohen Militärs mehr und mehr an sich zu binden. So vergab er Anfang 1808 an seine Marschälle Herzogstitel, und zwar nach folgenden Kategorien: Titel von Provinzen oder Territorien und (wie bei Ney) Titel von Schlachten, bei denen der Ausgezeichnete einen großen Erfolg feierte. Schließlich stellte die Stiftung der "L'egion d'honneur" (Ehrenlegion), dem höchsten französischen Orden, die Spitze in Napoleons Hof-Spiel dar: "Man nennt es Tand? Nun, mit Tand führt man die Menschen."


Geschichte sammeln

In Gesellschaft macht ein Hobby einfach mehr Spaß, auch das Sammeln. Was aber nicht zwangsläufig heißen muß, daß man sich nach festen Statuten zusammenschließt und das ganze in Vereinsmeierei ausartet. Wie es auch geht, das macht die "Sammlergemeinschaft von Objekten der Befreiung 1807-15" in Schleswig-Holstein vor: Der aktive, harte Kern der Gruppe besteht aus rund einem Dutzend Sammlern, eine große Zahl von Interessenten in ganz Deutschland bildet den weiteren Kreis. Zusammengefunden haben sie sich durch ihre gemeinsame Liebe für diese Epoche.

Alle Einzelsammlungen zusammengerechnet, konnten die Hobbyisten schon mehr als 100 Objekte zusammentragen, von Schußwaffen über Blankwaffen bis hin zu Orden, Urkunden und Uniformzubehör. So besitzt Stefan Rüppel aus Kassel eine umfangreiche Ordenssammlung, darunter sind so seltene Stücke wie das preußische EK II. Klasse von 1813 aus der frühen Fertigung und in der Prinzengröße, das Erinnerungskreuz für 1814/15 von Schwarzburg-Rudolstadt und das preußische Ehrenkreuz für die Feldzüge 1814/15 (insg. nur 800 Verleihungen).

Die Sammler haben (auch wegen der großen Entfernungen) keine regelmäßigen Treffs, sondern finden sich bei jeder passenden Gelegenheit zusammen; häufig bieten sich dafür Messen an. Trotzdem funktioniert der Informationsaustausch zwischen den Mitgliedern einwandfrei. Und: Die Sammlergemeinschaft freut sich über jeden Zuwachs-Mitglieder und Objekte. Für erstere gilt, mitmachen kann jeder, einzige Aufnahmebedingung ist ein handgeschriebener Lebenslauf. Da alle Mitglieder au f privater Ebene sammeln, besteht kein großer Etat für Ankäufe — aber die Liebe zur Sache ist riesig. Kontaktadresse für Anfragen: Volker Graw, Postfach 1128, 26410 Schortens.


Kennwort: Leipzig

Auch das Jahr 1996 steht wieder unter den Zeichen preußischer und napoleonischer Geschichte. Das Schlachtfeld der Völkerschlacht zu Leipzig macht dabei schon seit einigen Monaten auf sich aufmerksam: Als 1991 in den Gemeinden rund um Leipzig Flächennutzungspläne entstanden, wurde den Verantwortlichen bewußt, daß das südliche Schlachtfeld von Leipzig noch weitgehend original erhalten ist. Bald folgte die Anmeldung des Geländes als Flächendenkmal. Inzwischen läuft mit Unterstützung der Denkmalschutzbehörde, historischen Vereine und Privatpersonen die Aufarbeitung der Geschichte und die Sicherung der Bodenfunde.

Zum 182. Jahrestag am 30.9.1995 konnten die Feierlichkeiten im gebührenden Rahmen stattfinden: mit einem Biwak-Lager, Gefechtsdarstellungen und einem historischen Manöverball. Das neue Museum "Völkerschlacht" im Vereinshaus Liebertwolkwitz stellt den Auftakt zu weiteren neuen Einrichtungen dar: einem Reit- und Fahrbetrieb, einer Schießanlage und einer Beschilderungsstrecke vom Völkerschlachtdenkmal bis zum Museum. Ab dem Frühjahr finden die ersten Planwagenfahrten mit Führung für größere Besuchergruppen statt. Endlich kann also das flächenmäßig größte Denkmal Europas seine Geschichte selbst erzählen. Dennoch, der Zweckverband "Südliches Schlachtfeld Völkerschlacht 1813"'e.V. (ein Zusammenschluß der Gemeindeverwaltungen, Tauchaer Straße l, 04445 Liebertwolkwitz, Tel. 034297/4 37 88) sowie die historischen Vereine und Denkmalschützer passen auf, daß kein Disneyland entsteht. Intention ist vielmehr, ein Kulturgut zu erhalten und es als europäische Begegnungsstätte einzurichten. Zur Weiterreise bietet sich dann Jena an: Auch dort widmet sich ein Verband dem Erhalt des Schlachtfeldes. Alljährlich finden im Oktober zur Erinnerung an die vernichtende Niederlage Preußens Gefechtsdarstellungen statt. Und: Am ersten Mai-Wochenende steigt bei Großgörschen bei Leipzig das Scharnhorstfest, im August ein Reenactment der Schlacht an der Katzbach (Polen).


Auf den Spuren Michel Neys

Auch nach seiner Verurteilung blieb Michel Ney in Saarlouis der große Sohn der Stadt und wird dort bis heute geehrt. Allen Widrigkeiten zum Trotz brachten die Bürger ihm zu Ehren 1829 eine Marmorplatte mit der Gravur "Ici est ne le Marechal Ney" an der Fassade seines Geburtshauses Biergasse 13 (heute Bierstraße) an. Es überstand mehrere Umbauten während der vergangenen Jahrhunderte unbeschadet, wurde liebevoll restauriert und beherbergt seit einigen Jahren ein Restaurant.

Ebenfalls unversehrt blieb an der Fassade das herzogliche Wappen, das an die Ernennung Neys zum Duc d'Elchingen 1808 erinnert. Nicht weit vom Geburtshaus befindet sich das Stadtmuseum, das eine kleine Sammlung zur Person Ney besitzt, darunter eine authentische Nachbildung seines Marschallstabes und seines Großkreuzes der Ehrenlegion.

Weiter führt die Fahrt nach Paris: Auf dem Friedhof Pere-Lachaise befindet sich die Grabstätte der Familie Ney-de La Moskowa, wo auch Michel Ney begraben liegt. Am 7. Dezember 1853 kam dann in Paris unter Anwesenheit von Napoleon III. der große Augenblick, als unweit der Hinrichtungsstelle Neys (heute Avenue l'Observatoire) ein Denkmal zu seinen Ehren enthüllt wurde. Es stellte damals das äußere Zeichen seiner Rehabilitierung in Frankreich dar, nachdem bereits am 26. Februar 1848 seine Nachkommen ein entsprechendes Schreiben erhalten hatten. Nun folgten weitere Städte dem Vorbild Paris mit Denkmälern: Am 15. August 1860 in Metz und vor genau 50 Jahren, am 18. Mai 1946, in seiner Geburtsstadt Saarlouis.


Ney-Biographie

Seit kurzem ist das Buch "Michel Ney. Soldat der Revolution - Marschall des Kaisers" (Buchverlag Saarbrücker Zeitung, 58 Mark) in zweiter Auflage auf dem Markt. Professor Ernst Klitscher schildert auf rund 400 Seiten mit großer Sachkenntnis das Leben Neys von seinem steilen Aufstieg bis zur Hinrichtung 1815. Mehrere Jahre recherchierte Ernst Klitscher im In- und Ausland, forschte in Archiven sowie Museen und suchte die Originalschauplätze auf.


 

Von Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 5/1996, S. 150 bis 159