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Ein Amerikaner in München
Eine Dienst-Waffe
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Heimatkunde
Auf hohen Rossen
Die Grenz-Fälle
Oh, Ney
Untergangs-Stimmung
Bisley sehen und ...
Heilig's Blechle

Auf Gedeih und Verderb

Am Heiligen Abend 7705 kämpften die Bayern vor München für Recht und Freiheit - ein Buch und eine TV-Serie erinnern jetzt an die Rebellion.


 
 

Bayern gibt sich gern als das Land in der Bundesrepublik, wo noch Recht und Ordnung herrscht. Erst jüngst rührten sich wieder einmal die Gemüter, als durch das „Kruzifix-Urteil" eine frische Brise in den freistaatlichen Klassenzimmern drohte. Flugs formierte sich die Opposition, ob von der Kanzel herab oder vom Parteienpodest - man war sich einig: Der Richterspruch muß weg.

So kämpferisch (und bodenständig) zeigten sich die Bayern auch in früheren Jahrhunderten. Unter der Parole „Lieber bayrisch sterben, als kaiserlich verderben" zogen in der Nacht vom 24. Dezember 1705 rund 40.000 Bayern nach München, um ihr Land mit einem Schlag von seiner Besatzungsmacht zu befreien. Ihr Gegner - das Haus Habsburg und damit der Kaiser Josef I. in Wien. Doch ihre Rebellion scheiterte, und die kaiserlichen Truppen richteten ein furchtbares Blutbad unter den Aufständischen an.

Genau 290 Jahre nach dieser „Münchner Christmette" sendet das Bayrische Fernsehen an den Weihnachtsfeiertagen eine TV-Serie über den Aufstand. Als Grundlage diente das umfassende Buch von Henric L. Wuermeling, das im November 1996 erscheint.

Es erzählt von diesem längst vergessenen Volksaufstand, dem ersten in Mitteleuropa, der alle Schichten der Bevölkerung erfaßte und der rund 100 Jahre vor der Französischen Revolution eine „freie Republik" forderte. Die Vorgeschichte: Bayerns Kurfürst Max Emanuel mußte 1704 nach Brüssel fliehen, nachdem er im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) die Schlacht von Höchstädt verloren hatte. In Wien schmiedete man daraufhin eindeutige Pläne unter dem Motto „Bayern soll ganz dem Krieg gewidmet werden".

Österreich annektierte nun bis zum Mai 1705 das ganze Land, zuletzt München und damit das im Rentamt verwahrte Staatssäckel dazu. Alle europäischen Truppen, die zum Kriegsschauplatz nach Norditalien mußten, marschierten durch Bayern. Dabei versetzten die Soldaten die Bevölkerung in Angst und Schrecken, bei ihren Einquartierungen und Aushebungen im Gebiet zwischen Nürnberg, Ingolstadt und Tölz war kein Hof vor ihren Plünderungen sicher. Am 17. Juni 1705 begannen die Österreicher schließlich mit Zwangsrekrutierungen. 12 000 Bayern sollten in nur sechs Wochen ausgehoben werden; je vier Höfe mußten einen Mann stellen.

Doch die Werber hatten wenig Erfolg. Keiner wollte den verhaßten Rock des Kaisers anziehen; die jungen Burschen versteckten sich in den Wäldern und Bergen. Nun erließ Wien Order an die Amtmänner: „Die flüchtigen bayerischen jungen Burschen und Bauernknechte oder Vagabunden sind handfest zu machen und auszuliefern."

Damit war das Maß voll: Im Herbst 1705 schlössen sich in vielen Orten Bauern und Handwerker zusammen und zogen wutentbrannt zu den Amtshäusern. Sie wollten die eingesperrten Rekruten und arretierten Bauern, die ihre Steuern nicht zahlen konnten, befreien. Ohne lange Vorbereitungszeit schnappten die meisten ihre Werkzeuge oder einfach lange Stecken und Knüppel und stürmten die Zellen. Blieb etwas Zeit, bastelte man sich ganz im Bauernkriegsstil schnell Waffen.

Mit umgeschmiedeten Sensen oder Morgensternen aus langen Stecken, mit Stoßklingen und Eisennägeln ging es auf die Ämter. Vorerst mußte Provisorisches ausreichen, denn die Kaiserlichen konfiszierten bei der Besetzung alle Waffen. Doch mit den ersten erfolgreichen Befreiungsaktionen erhielten die Rebellen auch mehr und mehr Zustimmung aus dem Bürgertum, das zumindest passiv Widerstand leistete.

Nun ging es an die planmäßige Bewaffnung der Volkshaufen. Man brach in Schlösser und Zeugämter ein und plünderte die Waffenkammern. Ein Beamter klagte, daß die Bürgerschaft „fast frohlockent" zugesehen habe, als „der Pöfel sehr offt über die Fenster herauf mit geladenen Rohren auf uns angeschlagen." Die kaiserliche Verwaltung in München wurde hellhörig, als es zu ersten Todesfällen kam: „Gleich beim Markt (Anm. Marktplatz) fiel der Amtmann in ihre Hände; sie versetzten ihm einen Stockstreich und dann einen Schuß in das Genick, daß er nach kurzer Zeit starb."

Wien reagierte schnell mit Truppenverstärkungen und schickte Spione, die die Lage auskundschaften sollten: Anführer wie Sebastian Plinganser, ein 25jähriger Jurist, oder Matthias Kraus organisierten inzwischen den Aufstand, an dem sich rund 100.000 Unzufriedene beteiligten. Am 16. November nahmen die aufrührerischen Bayern als ersten Ort Burghausen ein. Bei der von ihm proklamierten „Befreiung" von Braunau drohte Plinganser, der sich jetzt als Oberkriegsratskommissarius bezeichnete: „Den Arm des Kaisers werd' ich schon noch stutzen."

Er und seine Mitstreiter gründeten ein „Bayerisches Parlament" und eine provisorische Regierung zur Übernahme der Verwaltung im Land. Die Milizverbände der Landkreise und Städte, die „Landfahnen", wurden einberufen, um den Grundstock für ein neues Volksheer zu bilden. Schließlich wollte man sogar mit dem Kurfürsten im Exil Kontakt aufnehmen. Plinganser wirkte auch als treibende Kraft für den großen Befreiungsschlag - einen Sternmarsch von Norden, Osten und Süden nach München am 24. Dezember um l Uhr, wenn alle in der Christmette wären. Aber in Wien bekam man von der Sache Wind, und am Heiligabend patrouillierten in München viel mehr Soldaten als sonst. Vorposten beobachteten die anrückende Schar und witzelten: „Die sehen ja aus, als ob sie eine mittelalterliche Rüstkammer ausgeraubt hätten!"

Doch den durch die kalte Nacht Marschierenden kamen erste Zweifel an ihrem tollkühnen Unternehmen, als Boten aus der Stadt sie warnten: „Ihr führt die Leute auf die Schlachtbank". Vor München angelangt, öffneten keine Helfer wie verabredet die Stadttore. Zwar eroberten die Aufständischen noch den Roten Turm der Stadtbefestigung, aber schon der Angriff auf das Isartor wurde blutig zurückgeschlagen. Soldaten kreisten die in Richtung Sendling Fliehenden ein. Dreimal versprachen die Militärs den bereits Besiegten Gnade, wenn sie kapitulieren würden. Aber dann schössen sie doch die Wehrlosen zusammen. Johann Nepomuk Sepp schrieb später über die „Sendlinger Mordweihnacht" : „Als die Bauernschaft die Vertheidigung aufgab, erfolgte der ärgste Verrath und die grausamste Morderei, indem man sie wie eine Heerde Schafe niedermetzelte." Die vielen Verwundeten blieben zur Mahnung noch tagelang auf dem Schlachtfeld liegen.

Die Bilanz des Aufstands: 10.000 massakrierte Bürger und Bauern, etwa 40 Tote bei den Soldaten. Von nun an herrschte im Bayernland eine Grabesruhe. Die Kaiserlichen machten mit den überlebenden Rebellen kurzen Prozeß. Die ersten Urteile wurden schon am 29. Januar 1706 in München gefällt und vollstreckt. Anführer Matthias Kraus wurde mit einigen Verschwörern gehängt, andere enthauptet, ihre Köpfe zur Abschreckung am Isartor präsentiert, die Körper öffentlich gevierteilt. Glimpflich kam nur Plinganser davon, 1710 wurde er aus der Haft entlassen, nach seiner Rehabilitation 1716 war er als Hofgerichtsadvokat in München tätig.

Erst nach dem Frieden von Rastatt im Jahr 1714 verließen die Besatzer Bayern, Kurfürst Max Emanuel kehrte am 10. April 1715 zurück. Über seine Landeskinder sagte er später: „Warum sind sie hinausgegangen, diese Narren?" •




 

Von Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 12/1995, Seite 152 bis 155



Service

Genau 290 Jahre nach der Sendlinger Mordweihnacht erinnert eine dreiteilige Fernsehserie an das Massaker: „l705" ist voraussichtlich im Bayerischen Fernsehen am 25. und 26. Dezember um 21.15 Uhr und am 27. Dezember um 21.20 Uhr (Sendezeit jeweils 60 Min.) zu sehen. Das ORF strahlt die Serie in zwei Teilen aus, und zwar am 27. und 29. Dezember (je 90 Min.).

„1705" ist eine Produktion des Bayerischen Rundfunks, bei der ungewöhnliche Wege gegangen wurden: Nicht Schauspieler, sondern Laien mit ihren Dialekten stellen die Akteure dar. Alle Gespräche beruhen auf Originaltexten, gedreht wurde (wenn möglich) an den historischen Schauplätzen.

Bei der jahrelangen Suche nach zeitgenössischen Bild- und Textdokumenten und nach den Stätten der Geschehnisse machte das Filmteam manchen Überraschungsfund, unter anderem auch ein altes Waffenarsenal. Noch vor der Fernsehserie erscheint die erweiterte und überarbeitete Neuauflage des Buches „ 1705 - Der bayerische Volksaufstand" (im Verlag Langen Müller für zirka 40 Mark) von Henric L. Wuermeling. Er beschäftigt sich seit 20 Jahren mit diesem Thema, akribisch hat er Aktennotizen, Protokolle von Verhören sowie Tagebücher und Briefe von Augenzeugen ausgewertet. Als Drehbuchautor und Regisseur von „1705" drehte er jetzt eine ausführliche Dokumentation.
(Freundlicherweise stellte der BR der Redaktion Bilder der Dreharbeiten zur Verfügung.)


Mit Keule und Karabiner

Seit 1951 besteht der Bund der bayerischen Gebirgsschützen-Kompanien, in dem heute 45 Kompanien vereinigt sind. Ihre Tradition schließt an die der Landfahnen an, die seit dem 17. Jahrhundert eine milizartige Landwehr oder eine Art Landsturm darstellten. Der Verband pflegt die jahrhundertealte Tradition dieser Schützenverbände; wichtige Termine im Jahr sind der Patronatstag (der erste Sonntag im Mai) und das Bundesschießen, bei dem der Schützenkönig ausgeschossen wird.

Einen besonderen Brauch pflegen die Gemeinde Waakirchen und ihre Kompanie seit 1905: In diesem Jahr feierte der Ort die 200-Jahr-Feier der Sendlinger Mordweihnacht und die Enthüllung des Oberländer-Denkmals in Waakirchen. Seitdem kommen alle Kompanien, die 1705 auszogen, am Vormittag des 24. Dezembers nach Waakirchen, um bei einem Gottesdienst und Festakt den Toten der Rebellion zu gedenken.

Die Waakirchener Kompanie ist die einzige, die heute noch mit einem historischen Zug alte Bauernwaffen bei den Aufmärschen vorführt. Dazu gehören Kriegsgabeln, Morgensterne und Keulen, aber auch ganz normales bäuerliches Werkzeug, wie zur Stichwaffe umfunktionierte Sensen und Dreschflegel. Seit den 70er Jahren besitzt die Kompanie auch einen Salutzug. Die Männer marschieren mit Lederhosen, Trachtenjacke und Stopselhut mit weißen und schwarzen Hahnenfedern auf und schießen vor dem Oberländer-Denkmal drei Salven mit ihren 98er Gewehren.


 

Von Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 12/1995, S. 152 bis 155