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Ein Amerikaner in München
Eine Dienst-Waffe
Auf Gedeih und Verderb
Heimatkunde
Auf hohen Rossen
Die Grenz-Fälle
Oh, Ney
Untergangs-Stimmung
Bisley sehen und ...
Heilig's Blechle

HEILIG'S BLECHLE

Heilig's Blechle

Diechling, Kannelur, Geschübe, Schiftung ... die Beschreibungen von Rüstungen strotzen nur so von Fachbegriffen. Bei aller Mühe, da bringt man schnell die Gelenke durcheinander und geht beim nächsten Museumsbesuch an den komplizierten Dingern lieber gleich vorbei.


 
 

Schade, denn der Harnisch (allg. Begriff für die Rüstung aus Eisen-Platten) war nicht bloß Metallschutz im Kampf. Seine Epoche begann im 15. und endete im 17. Jahrhundert, als er gegen die aufkommenden Schußwaffen keinen Schutz mehr bot.

Bis dahin aber galt er als Standes-Abzeichen, denn der Kauf eines Harnischs und seine Ausstattung hingen vom Vermögen ab: Söldner konnten sich nur einfache (Knechts-)Harnische leisten, die lediglich die Brust, Oberarme und Oberschenkel schützten; reichere Adlige hingegen besaßen komplette Kürisse.

Mit Details aus der Kleidermode versuchte jeder Träger, sich von den anderen abzuheben. Die hochwertigeren Harnische folgten auch exakt den Körperkonturen. Da kaum Textilkleider aus dieser Zeit überliefert sind, stellen die Rüstungen wichtige Zeugnisse für das Körperverständnis dar.

Und sie dokumentieren den hohen Stand der Handwerkskunst. Die Werkstätten fertigten nicht einfach nur Metallgeräte, sondern kunsthandwerkliche Meisterstücke. Die um 1500 entstandenen spätgotischen oder Renaissance-Harnische standen auf einer Ebene mit zeitgenössischen Skulpturen. Aber auch wenn eine Rüstung noch so teuer und repräsentativ war, mußte sie ihre Schutzfunktion im Kampf erfüllen - den Lanzenstoß von der Brust und den Schwerthieb von Haupt und Schultern abzulenken. Prinzipiell unterschieden wurde zwischen dem Feldharnisch zum Einsatz im Krieg und dem Küriß oder Harnisch für das Turnier, auch Stechzeug genannt.

Damit der nächste Kontakt mit einem Eisenkleid nicht im Frust endet, werden hier die wichtigsten Begriffe am Beispiel eines klassischen gotischen Feldharnisches um 1470 aus Landshut auseinanderklamüsert. Er befindet sich im Besitz des Deutschen Historischen Museums Berlin, dem ehemaligen Zeughaus.



(1) Die Schaller
Diese Helmform entstand in der ersten Hälfte des 15. Jh. aus dem Eisenhut, das Wort stammt aus dem deutschen "Schale". Typisch: das lange spitz auslaufende Nackenteil. Das Exemplar hier besitzt ein aufschlächtiges Visier, das heißt, es konnte nach oben geklappt werden (aufschlächten, aufschlagen). Die Schaller reichte nur bis zur Mundhöhe, deshalb wurde sie immer mit einem Bart getragen.



(2) Der Bart, ein halskrausenähnlicher Harnischteil, der die untere Gesichtshälfte und die vordere Halspartie schützte. Er wurde aber nicht an der Schaller, sondern stets am Bruststück befestigt, hier per Riegel, vorn mittig auf der Platte zu sehen.



(3) Die Brust: Dazu zählt das Bruststück (3a) und die Bauchreifen (3b, siehe unten). Bei diesem gotischen Küriß für den Felddienst gibt es keinen rechtsseitigen Rüsthaken. Die Brust hier ist zweimal geschiftet, die beiden Teile sind an den Spitzen halbkreisförmig ausgesägt. Unter einer Schiftung versteht man eine Harnisch-Verstärkung. Brust und Schiftungen sind außerdem kanneliert (Kannelur: Hohlkehle). Vorn auf der Brust findet sich eine Plattner-Marke mit gekreuztem Zepter in einem Schild (nicht sichtbar). Die gleiche Marke ist noch von drei Rüstungen bekannt (eine in der Wallace Collection, eine Brustplatte in Brüssel und ein Roßharnisch im Privatbesitz).



(3b) Bauchreifen bedecken den Unterleib und sind halbrund gebogen, befestigt am Unterrand der Harnischbrust. Solche Schienen oder Reifen aus Metall werden auch als Folgen bezeichnet. Miteinander verbunden bilden sie ein bewegliches Harnischteil, das Geschübe (siehe Nr. 5a), fixiert durch Nieten auf einer Leder-Unterlage. Die Folgen hier sind tailliert; zusätzlich betont ein leicht herausgetriebener Mittelgrat bei Bauchreifen und Harnischbrust die schlanke Form des Harnischs. Entsprechend den Bauchreifen befinden sich auf dem Rücken die Gesäßreifen, befestigt am Unterrand des Rückenteils.



Die (4) Achselscheibe in Form einer Faltenrosette hängt vor der Achsel als Schutz der ungepanzerten Achselhöhle.



Das (5) Armzeug besteht im 15. Jh. bei deutschen Harnischen aus Ober- und Unterarmröhre (5a, 5c), verbunden durch die innen offene Armkachel (5b) am Ellbogen. Die (5a) Oberarmröhre stammt bei diesem Harnisch von einem Stechzeug. Sie ist siebenfach geschoben, oder anders ausgedrückt, das Geschübe besteht aus sieben Folgen (siehe 3b), die beweglich zusammengesetzt wurden. Das Oberarmzeug ist teilweise kanneliert und an den Rändern bogenförmig ausgeschnitten.



(5c) Handschuh und Stulpe
Hier ist die Stulpe des Handschuhs bis zum Ellbogen hochgezogen. Spitz herausgetriebene Buckel verstärken die Fingerdeckel an den Knöcheln.



(6) Beinzeug: Seit der ersten Hälfte des 14. Jh. wurde das volle Beinzeug getragen. Es setzt sich zusammen aus dem Oberbeinzeug (6a, Diechling mit Kniekachel) und dem Unterbeinzeug (6b, Beinröhre und Eisenschuh). Im 16. Jh. treten lange Schöße anstelle der Diechlinge.
Der Diechling schützt Oberschenkel und Knie. Hier ist er mehrfach kanneliert. Die Kniekachel besteht aus Kniebuckel mit Muschel, wie das meist als verbreiteter Flügel geformte Teil an der Außenseite heißt, das die offene Beinbeuge seitlich abschirmt.



Das (6b) Unterbeinzeug verhüllt den Unterschenkel. An dieser Beinröhre ist der Eisenschuh befestigt, entweder fest angenietet oder als separates Element abnehmbar. Hier sind die Eisenschuhe elffach geschoben.

Zum Turnierkampf mit eingelegten, stumpfen Lanzen zu Pferd kam Ende des 15. Jh. ein besonderes Stechzeug auf. Zu diesem "deutschen Gestech" gehörte um 1500:



(7) Der Stechhelm oder auch Rennhelm, ein schwerer, geschlossener Kopfschutz mit engem Sehschlitz, manchmal mit Atemöffnung auf der rechten, dem Gegner abgewandten Seite. Nieten verbinden die Scheitelplatte mit den Vorder- und Seitenstücken. Zunächst wurde der Stechhelm am Harnisch verschnallt, seit dem späten 15. Jh. angeschraubt. Die nach oben verbreiterte Form sollte die auftreffende Lanze ablenken.



Die (8) Brust beim Stechzeug kennzeichnet ein Rüsthaken an der rechten Seite, oft mit einem Rasthaken auf dem Rücken, dem Widerlager für die schwere Lanze. Um sie zu halten, war das (9) Armzeug rechts extra stark gearbeitet, Der linke Zügel-Handschuh (auch Hentze) besitzt meist eine Art geschlossene Fäustlingsform mit drei oder mehr Folgen, um die Finger vor dem Lanzentreffer zu schützen.



Die (10) Schöße, der Schenkelschutz, bestehen aus beweglich zusammengesetzten Teilen, die von der Taille bis fast zu den Knien reichen.



Neugierig geworden? Dann sei der Katalog "Eisenkleider. Plattnerarbeiten aus 3 Jahrhunderten" empfohlen. Er bietet ein Verzeichnis von Fachbegriffen und reichlich Literaturhinweise. Zur Zeit zum Sonderpreis von 14,80 Mark beim: Deutschen Historischen Museum, Zeughaus, Unter den Linden 2, D - 10 117 Berlin, Tel. 030/2 03 04-706.



 

Von Birgit Hlawatsch

Erschienen in:
VISIER, 12/1997, Seite 152/153